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Draußen so laut und innen so verloren – wenn Mutterschaft einsam macht

Alltag ist ein harmloses Wort. Es klingt nach unspektakulärer Sicherheit, nach Abläufen, die funktionieren, nach wenig Anstrengung und Aufregung.

Für mich liegt darin noch etwas. Düster. Bedrückend. Abgeschnitten.

Der Alltag einer Mutter in unserer Gesellschaft ist nicht harmlos. 

Ja, das meine ich genauso pauschal, wie es klingt. Und natürlich kann es auch auf weiblich sozialisierte Menschen zutreffen, die keine Kinder geboren haben. Oder auf manche Väter. Du wirst selbst merken, ob meine Worte dich berühren oder nicht:

Auf deinem Desktop stapeln sich der halb ausgefüllte Elterngeldantrag neben den Unterlagen für die nächste Steuererklärung. Am meisten Bauchweh macht dir die Vorladung zur Einschulungsuntersuchung für den Großen. Das sagst du aber niemandem, denn alle anderen sind doch so froh, dass es endlich losgeht mit der Schule. 

Morgen ist die Geburtstagsparty der besten Freundin und du hast noch kein Geschenk. Die Nachbarn werfen böse Blicke und du weißt nichtmal, worum es geht. Hast nur immer das diffuse Gefühl, irgendwas gerade biegen zu müssen. Wenn du heute nicht wenigstens noch eine 60-Grad-Wäsche machst, werden die Wäscheberge dich morgen erschlagen! Oder erstmal durchsaugen? 

Nachdem du beides geschafft hast, ist schon Abendbrotzeit. Du versuchst, trotz dröhnender Müdigkeit deinem Kind aufmerksam zuzuhören und gelassen zu bleiben, als die Milch wieder umkippt. Zum Glück übernimmt Papa heute das Baden, dann kannst du die Küche aufräumen. Währenddessen fällt dir ein, dass du morgen dringend den Briefkasten öffnen musst. Eigentlich willst du gar nicht wissen, welches neue amtliche Monster darin wartet. 

Abends fällst du erschöpft ins Bett und dämmerst gerade weg – da beginnt dein Kind wieder zu husten. Verzweifelt fragst du dich, ob das immer so bleiben wird und was du hättest besser machen können. Schließlich ist Stress doch sicher die Ursache für seine Allergien.

Das sind alles nur Beispiele. Und ich könnte noch hundert weitere aufschreiben. Am Ende beschreiben sie alle die gleiche Situation:

Das Getöse da draußen ist furchtbar laut. Und viele Eltern überleben nur, indem sie sich selbst leise drehen. 

Ich hatte in meiner Arbeit als Eltern- und Stillbegleiterin unglaublich berührende Begegnungen mit Müttern, die dafür kämpften, dass es ihren Kindern gut und ihre Beziehung nicht zu Bruch ging. Dass die Rechnungen bezahlt wurden, das Mittagessen gesund und die Schwiegereltern zufrieden waren. Und dass sie bei allem möglichst entspannt rüberkamen und bloß nicht jammerten.

Aber wenn ich sie nach ihren eigenen Wünschen fragte, fanden wir eine dicke Wand aus Nebel. Dafür war einfach kein Platz mehr. 

Diese Menschen erschienen mir manchmal wie Schatten ihrer selbst, gefangen in Schablonen – zusammengepresst unter dem Druck all der Erwartungen, die wir an eine „gute Mutter“ haben. Ihr eigenes lebendiges Licht flackerte nur noch leise irgendwo hinter dem Nebel.

Kaum wahrnehmbar – und unendlich einsam.

Ich weiß, wie sich das anfühlt, denn ich war selbst so ein zusammengepresstes Wesen (und bin es manchmal immernoch). Aber das kleine Licht war trotzdem da. Es ist immer da, solange wir atmen. Und das ist die gute Nachricht:

Wir können etwas verändern und zurückfinden in unser eigenes Leben.  

Das bedeutet NICHT, dass du deinen Alltag besser organisieren oder mehr Selbstdisziplin an den Tag legen sollst. Klar können dir solche Werkzeuge helfen – aber nicht mit diesem beschämenden Unterton. Und nicht mit dem Ziel, dass du wieder schön funktionierst und weniger jammerst. Nicht mit dem Ziel, dass du dann eine bessere Mutter wirst.

Und ganz sicher will ich damit nicht sagen, dass du dir als nächsten Punkt auf der Liste irgendwelche schicken Selbstverwirklichungspläne aus den Fingern saugen sollst.

Mir wurde oft gesagt, ich sollte doch die Kinder in Betreuung geben und wieder studieren oder arbeiten gehen (am besten beides). Ich hab diese Kommentare gehasst, denn ich brauchte etwas grundlegend anderes. Menschen, die mir zuhörten, zum Beispiel. Wertschätzung und Geld für die Arbeit, die ich sowieso täglich tat.  

Es geht mir darum, dass du dich selbst wieder spürst – und zwar vor allem anderen.

Wenn du dich wie ein Rädchen in einer großen Maschine drehst und dich darin verloren hast: Leg einmal die Hand auf deinen Brustkorb. Fühlst du das Klopfen darunter?

Es ist dein Herz, das da schlägt. Es ist deine Lebenszeit, die du auf diesem Planeten verbringst. Jeder Schmetterling, jeder Löwe, jede Orchidee fasziniert uns – weil sie auf so einzigartige Weise ihr eigenes Leben leben (auch, wenn wir ihnen immer weniger Raum dafür lassen). 

Du bist genau so ein einzigartiges, wertvolles Wesen. 

Egal, wie die Geburtstagsparty wird, egal ob die Steuererklärung rechtzeitig fertig ist, egal ob dein Kind sein Leben lang unter Allergien leidet – deine Würde, dein Wert und dein Licht sind davon völlig unberührt. 

Ja, ich weiß, das klingt so leicht. Und trotzdem stapeln sich die gemeinen Briefe auf deinem Schreibtisch. Aber bevor du sie auch nur anfasst: Leg die Hand auf dein Herz und erinnere dich, dass du selbst zuerst da warst. Ein kleines Wunder, das irgendwann den ersten Atemzug nahm, um sein ganz eigenes Leben auf dieser Welt zu verbringen. 

Du kannst die Formulare ausfüllen und den Schwiegereltern einen Gefallen tun – aber den Sinn deines Lebens bestimmst du selbst. Vielleicht bedeutet das, ab morgen alles umzukrempeln, euren Besitz zu verkaufen und auf Weltreise zu gehen. Vielleicht bedeutet es aber auch, erstmal in Ruhe herauszufinden, wer du eigentlich bist und was du hier erleben willst. 

Vielleicht kannst du die Maschine da draußen gerade nicht anhalten, aber du kannst entscheiden, kein Zahnrad zu sein. 

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