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Vor fünf Jahren verließ ich tränennass und fassungslos ein Hamburger Kino, in dem ich zwei Stunden lang zugesehen hatte, wie junge Menschen und ihre Eltern während eines Klinikaufenthalts in existenzielle Not gebracht wurden.

Wenn es normal ist, dachte ich, dass solche Quälereien jetzt gerade in einer deutschen Kinderklinik stattfinden, wenn es normal ist, dass Menschen beim Zuschauen darüber lachen und dass niemand in dieser Gesellschaft aufsteht und STOPP ruft, dann bin ich raus. Dann will ich nicht normal sein.

Glücklicherweise kam der Aufschrei, die entsprechende Klinik-Abteilung ist inzwischen geschlossen (zum Nachlesen der ganzen „Elternschule“-Geschichte empfehle ich wärmstens den Blog von Herbert Renz-Polster).

Nicht geschlossen sind aber die tiefliegenden und teilweise erschreckend gewaltvollen Glaubenssätze darüber, wie Kinder in Deutschland zu leben haben und welche Rolle Eltern darin spielen.

So hat vor kurzem das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht bestätigt, dass Zwangsgelder zur Durchsetzung der Schulpflicht auch gegen Eltern verhängt werden dürfen, deren Kinder nicht in die Schule gehen und lieber selbstbestimmt lernen wollen. Eltern seien in der Pflicht, den „entgegenstehenden Willen des Kindes aufzulösen“. Nein, selbstverständlich nicht zu brechen. Auflösen klingt schließlich viel netter. Fehlt nur noch der Zusatz liebevoll konsequent

Ungefähr so: Liebe Eltern, deren Kind sich morgens verzweifelt die Bettdecke über den Kopf zieht und nachmittags schreiend seine Stiftemappe an die Wand knallt, dass die feinen Wachsmaler nur so durch die Gegend fliegen. Sie müssen den Willen ihres Kindes nur liebevoll konsequent auflösen, dann gibt es nichts zu befürchten. Wenn Ihr Kind abends von Bauchschmerzen gequält wird und Ihnen unter Tränen mitteilt, dass Schule sich anfühlt wie Gefängnis, dann erklären Sie ihm einfach, dass seine Wahrnehmung falsch ist. Das hat schon immer geholfen.

Und jetzt im Ernst: Ich sehe hier eine Zwickmühle, die mich selbst und all die Eltern, die ich beruflich und freundschaftlich seit Jahren begleite, permanent schmerzhaft einklemmt. 

Auf der einen Seite sollen und wollen wir eine Beziehung zu unseren Kindern aufbauen, die vertrauensvoll, frei von emotionaler und körperlicher Gewalt ist. Auf der anderen Seite werden wir immer wieder unter Druck gesetzt, nach traditionellen Vorstellungen zu erziehen, selbst wenn das Konzept von Erziehung schon lange nicht mehr unseren Werten entspricht.  

Der elterlich durchzusetzende Schulanwesenheitszwang ist besonders schrecklich, weil er gesetzlich untermauert und bei Zuwiderhandlung mit bedrohlichen Strafen belegt ist – vom Bußgeld bis zum Sorgerechtsentzug. Subtiler und ähnlich gewaltvoll läuft es, wenn medizinische Autoritäten Eltern anordnen, ihr schreiendes Kind nachts alleine zu lassen, weil es sonst niemals selbstständig werde.

Wenn Eltern äußern, dass sie derartige Aufgaben nicht bewältigen können und wollen, werden sie reflexartig beschämt: Du wolltest doch Kinder, das ist nunmal deine Aufgabe, selber Schuld. Sie gelten als überfordert, ungenügend, machen ihren Job nicht anständig und bringen damit ihre Kinder in Gefahr. So werden Eltern mit Drohung und Beschämung immer wieder dazu instrumentalisiert, alte und gewaltvolle Erziehungsvorstellungen umzusetzen. Meist passiert das unbewusst und nicht aus bösem Willen.

Die Vorstellungen von notwendiger Erziehung sind einfach so tief verankert, dass ihre Infragestellung ganze Lebenskonzepte – vielleicht sogar Gesellschaftssysteme – ins Wanken bringen könnte.

Das löst unter Umständen so tiefe Ängste aus, dass es leichter scheint, alte Muster zu bedienen. Schließlich mussten wir doch alle in die Schule, egal ob wir wollten. Schließlich haben auch unsere Eltern und Lehrer*innen alles mögliche an uns durchgesetzt (und nicht selten hassen wir sie dafür).

Wir nehmen das bisschen Freude und Verbundenheit, das uns angeboten wird, und schlucken nebenher die größten Kröten – anstatt uns nach dem zu strecken, was möglich wäre, wenn wir uns trauen über den Tellerrand zu schauen. 

Dennoch: Menschen können wachsen, Gesellschaften können sich verändern, Gesetze sind nicht in Stein gemeißelt (auch wenn das deutsche Schulgesetz so wirkt). Müssen wir das mitmachen? Wollen wir wirklich eine Welt, in der der Wille junger Menschen „aufgelöst“ wird, damit sie tagtäglich viele Stunden an einem Ort aushalten, an dem sie sich unwohl fühlen? Wünschen wir uns aus tiefstem Herzen, diesen Kampf mit ihnen zu führen?

Ich erlebe jeden Tag, dass es anders geht. Friedvoller, lebensfroher, verbundener. Und ich möchte dir Mut machen, deiner Wahrnehmung zu vertrauen und dir keine Angst mehr machen zu lassen.

Denn wenn das Ding mit Bedrohung und Scham nicht mehr funktioniert, können wir uns eine wirklich wunderbare Welt bauen. Mitfühlend, neugierig, kreativ – und vor allem gemeinsam.

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