Demokratiebildung ohne Schule

Keine Demokratiebildung ohne Schulbesuch?

In meinem letzten Artikel (Ist Schule Zeitverschwendung?) habe ich über gesellschaftliche Ziele von Schulbesuch gesprochen. Eines habe ich allerdings bewusst ausgelassen, weil es so vielschichtig ist, dass es einen eigenen Artikel verdient – und das ist Demokratiebildung

In unserem bisherigen gesellschaftlichen Verständnis können junge Menschen nur dann ausreichend demokratische Werte und Haltungen entwickeln, wenn sie mehrere Jahre in die Schule gehen. Aber stimmt das wirklich?

Ich habe da immer größere Zweifel. Ganz platt könnte ich sagen: Schau dir doch mal den aktuellen Zustand von Demokratien auf der Welt an. Weit über 90 Prozent der Menschen in demokratischen Staaten, deren politische und gesellschaftliche Strukturen unter Polarisierung und einem massiven Rechtsruck wanken, wurden beschult. 

Aber das wäre ein bisschen eindimensional. Auch, weil es in vielen „Homeschooling-Communities“ eine spürbare Tendenz zu generalisierter Systemkritik und rechtspopulistischen Ideen gibt. Zumindest erlebe ich das im deutschsprachigen Raum – und in dem verlinkten Artikel beschreibe ich ausführlich, worin die Gründe liegen könnten. 

Aber heißt das im Umkehrschluss, dass die Schulpflicht uns vor dem Kollabieren demokratischer Systeme rettet?

Nein – ich glaube sogar, dass traditionelle Schulbildung in vielen Fällen die Entwicklung demokratischer Werte behindert.

Puh. Ich weiß, das ist eine steile These. Aber lass mich meine Gründe erläutern:

Wie so oft beginne ich mit ganz persönlichen Erfahrungen. Bei meinen Kindern erlebe ich die Entwicklung von Demokratieverständnis seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen. Seit sie sehr jung sind, werden sie in familiäre Entscheidungen einbezogen. Auch, wenn wir Eltern in weiten Bereichen Entscheidungsverantwortung tragen – die Stimmen unserer Kinder werden gehört und ernstgenommen.

Diese Erfahrung nehmen sie mit in die Welt, vergleichen sie mit Erlebnissen außerhalb unsere Familie (z.B. im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, Musik- oder Sportgruppen), wo regelmäßig gemeinschaftliche Entscheidungen getroffen werden – mal mehr und mal weniger nach demokratischen Prinzipien. Solche neuen Erfahrungen bringen sie dann wieder mit nachhause, wo wir sie z.B. beim Abendessen gemeinsam besprechen und einordnen. 

Seit einiger Zeit beginnt unser älterer Sohn sich mehr für Politik, Geschichte und die verschiedenen Staatsformen zu interessieren. Beispielsweise wollte er wissen, warum in unserem Umfeld manche Menschen im Gespräch ihren britischen Akzent entschuldigen. Über diese Frage sind wir auf die jahrhundertelange Kontrolle Englands über Irland, deren verheerende Auswirkung während der großen Hungersnot und schließlich den irischen Unabhängigkeitskrieg gekommen. 

Genauso äußert er immer wieder Interesse an deutscher Geschichte – speziell dem Nationalsozialismus – und aktuell auch an den Wahlen in Deutschland und Amerika. 

Dabei erlebe ich oft, dass unsere Kinder neben dem Interesse an Zahlen und Fakten auch auf einer emotionalen und moralischen Ebene von solchen Themen berührt sind. 

Sie wollen begreifen, was unbegreiflich erscheint. Verstehen, warum Menschen (im Großen und Kleinen) zu Taten und Entscheidungen fähig sind, die wir als unmenschlich, brutal oder auch kurzsichtig einordnen. Warum solche Menschen von anderen unterstützt werden – und was es bedeutet, wenn ganze Bevölkerungsgruppen einfach gar nicht mehr gesehen und gehört werden. 

Und nein, auf viele dieser Fragen habe ich keine Antworten. Zumindest keine schnellen. Aber wir können darüber sprechen. 

Wir können Material und Informationen zu bestimmten Themen suchen (z.B. in der Bibliothek, Museen oder im Internet). Wir können andere Menschen mit einbeziehen. Und was mir immer wieder auffällt: Das Interesse meiner Kinder kommt ohne Zwang. Durch ihr alltägliches Leben schnappen sie immer wieder Informationen auf, die ihre Neugier wecken. Es braucht nicht unbedingt eine schulische Instanz, die vorgibt: „Jetzt beschäftigen wir uns mit dem Nationalsozialismus.“ 

Und inzwischen frage ich mich ernsthaft, ob Lehrpläne kontraproduktiv sind.

Ich erinnere mich, dass meine Schulfreund*innen irgendwann regelrecht genervt vom Thema Holocaust waren. („Och nö, nicht schon wieder Bilder von ausgemergelten Menschen und bedrückende Texte in komischer Sprache!“) 

Es war etwas, das wir wieder und wieder abarbeiten mussten, weil andere es von uns erwarteten. Und weil wir dafür benotet wurden. Dadurch entwickelte sich eine innere Distanz und irgendwann sogar ein Widerwillen gegen etwas, das uns – hätten wir es aus eigener Motivation und Neugier heraus betrachtet – in der Tiefe hätte berühren und aufrütteln können.

Meine Vermutung ist, dass viele Menschen durch erzwungene Bildung eine Abneigung gegenüber der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus entwickeln. Und das dies (neben anderen Faktoren) eine Ursache für den massiven Anstieg von offen ausgelebter rechter Gesinnung in der deutschen Gesellschaft ist.

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht haben wir genau das Gegenteil von dem bewirkt, was wir eigentlich wollten. Und vielleicht würde es helfen, unseren steinharten Glauben daran, dass nur Beschulung zu Demokratiebildung führt, ein wenig zu hinterfragen. 

Dass es andere, außerschulische Bildungsmöglichkeiten gibt, erlebe ich wie gesagt in unserem Alltag. Doch an dieser Stelle wird sich bei dir vielleicht ein Zweifel melden:

Natürlich sind unsere Kinder beeinflusst von meiner politischen Haltung und meinem Interesse daran, ihre Neugier zu füttern.

Natürlich ist unsere Situation nicht auf alle Familien übertragbar. Natürlich mache ich Fehler, rede manchmal Unsinn oder verpasse Gelegenheiten, den Kindern Material und Hilfe anzubieten. Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass auch Schulkinder von der Haltung ihres familiären Umfelds beeinflusst sind.  

Trotzdem verstehe ich die Sorge, dass junge Menschen, die „zuhause bleiben“ und nur mit den politischen Haltungen und dem Wissen ihrer Eltern in Kontakt kommen, weniger Chancen auf die Ausbildung eines tiefen Demokratieverständnisses haben – oder sogar politisch indoktriniert und radikalisiert werden. 

Das ist ein Problem, für das wir als Gesellschaft Lösungen finden müssen (und können!), wenn wir selbstbestimmte Bildung legalisieren und außerschulische Bildungswege möglich machen. Im ersten Schritt ist wichtig zu verstehen: Selbstbestimmte Bildung ohne Schulbesuch heißt nicht, dass Eltern ihre Kinder „zuhause behalten“ und von der Welt oder anderen Meinungen abschirmen. 

Im Gegenteil, echte Bildungsfreiheit lebt davon, dass junge Menschen in ein vielfältiges soziales Umfeld eingebunden sind. 

Und ich bin überzeugt: Es gibt Möglichkeiten, diese Einbindung herzustellen, ohne dass wir allen jungen Menschen Pflichtschulbesuch vorschreiben. Es ist nur eine Frage des Wollens und der Prioritäten. 

Wir könnten in jedem Ort kostenfrei zugängliche Bildungsorte einrichten – mit Bibliotheken, Forschungsstationen, Turnhallen, Gärten und Expert*innen, die ihr Fachwissen in Kursen oder Vorträgen vermitteln. Wir könnten jeder Familie Lernbegleiter*innen an die Seite stellen, die sich wöchentlich oder monatlich mit deren Kindern treffen und ihre Lernprozesse unterstützen. Wir könnten Theatergruppen und andere künstlerische Gemeinschaftsprojekte unterstützen. 

Wir könnten gesellschaftliche Teilhabe für Menschen jeden Alters so attraktiv und einladend gestalten, dass niemand mehr das Bedürfnis danach hat, sich und seine Kinder in „systemkritischen Randgruppen“ abzukapseln. 

Nenn mich naiv – aber ich glaube, dass die meisten Menschen sich nach Zugehörigkeit sehnen. Danach, ein selbstbestimmter und gleichzeitig wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. Und dass wir bisher nicht besonders erfolgreich darin waren, das menschliche Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit zu stillen. 

Zum Beispiel halte ich es für extrem problematisch, dass wir junge Menschen über Jahre in die Schule zwingen. Einen Ort, an dem viele von ihnen sich unverstanden, ausgegrenzt und gedemütigt fühlen. Und hier kommen wir an einen weiteren kritischen Punkt, der mich daran zweifeln lässt, dass unser bisheriges Schulsystem echte Demokratiebildung fördert:

Das deutsche Schulsystem ist in vielen Bereichen zutiefst undemokratisch organisiert. 

Das fängt bei der gewaltvoll durchgesetzten Schulpflicht an und hört bei den hierarchischen und sanktionierenden Strukturen zwischen Behörden, Schulleitungen, Lehrkräften und Schüler*innen auf.

Ja, es gibt tolle Beispiele von Schulen und Projekten, die das ändern wollen – über die Alemannenschule habe ich kürzlich berichtet. Aber in meiner Erfahrung erleben weiterhin zu viele junge Menschen (am unteren Ende der Hierarchie) Schule als Ort der Fremdbestimmung und Ohnmacht. Einige von ihnen äußern sogar wortwörtlich, dass sie Schule wie ein Gefängnis empfinden. 

Besonders schwierig daran finde ich, dass die Wahrnehmung von Schüler*innen oft nicht gehört und ernstgenommen wird. 

Wenn junge Menschen sagen, dass sie sich in der Schule unwohl und gefangen fühlen, dann könnten wir zumindest ehrlich mit der Situation umgehen und erwidern: „Ja, du wirst hier zu vielem gezwungen, weil wir das als wahlberechtigte Erwachsene so entschieden haben.“ 

Stattdessen sagen wir: „Schule bedeutet, dass du lernen DARFST. Dafür solltest du dankbar sein.“ De facto stimmt das aber nicht. Schulbesuch ist kein echtes Angebot, keine freiwillige Entscheidung. Es ist ein Zwang und bei Nicht-Erfüllung drohen Sanktionen. 

So fühlen sich viele junge Menschen in Schule nicht nur gezwungen, sondern lernen auch noch, dass dieses Gefühl falsch ist. Weil sie ja in den Augen der Erwachsenen nur ein tolles Angebot bekommen und dafür dankbar sein sollten. 

Den faktischen Schulzwang als „Einladung“ oder „Möglichkeit“ zu verkaufen, ist in meinen Augen eine schwerwiegende Manipulation junger Menschen. Es hindert sie daran, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Ist das eine gute Voraussetzung für demokratische Teilhabe?

Ich glaube nicht.

Allerdings gebe ich gerne zu, dass ich zwar viele Ideen, aber keine perfekte Lösung habe. Schulfreies Leben in Irland ist für unsere Familie momentan die deutlich bessere Wahl als das deutsche Schulsystem – aber an vielen Stellen trotzdem nicht optimal.

Ich denke, dass wir weiterhin gemeinschaftliche Lern- und Bildungsorte brauchen – nur in völlig neuer Form. Ein neues Schulfach „Glück“ oder Sternchensysteme statt Noten reichen mir dabei definitiv nicht aus. 

Was wir brauchen, sind feste Grundpfeiler von Freiheit, Selbstbestimmung, Wertschätzung und Zugehörigkeit jedes einzelnen Menschen in einem bunten und vielfältigen Bildungssystem. 

Ich glaube, wenn wir eine durch und durch demokratische Gesellschaft wollen, dann sollten wir dringend damit beginnen, die Stimmen junger Menschen zu hören und ernst zu nehmen – ganz besonders, wenn es um ihre eigene Bildung geht. 

So, und jetzt bin ich gespannt auf deine Meinung zu diesem Thema! Was meinst du – wie sollte Bildung in einer demokratischen Gesellschaft aussehen?

Wenn du dich auf deinem Weg von mir begleiten lassen möchtest, kannst du verschiedenes tun – je nachdem, wie viel und wie enge Begleitung du dir wünschst:

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