Gibt es etwas, das du besonders gerne tust? Worauf du dich jeden Tag freust und ohne das dein Tag nur halb so schön wäre? Vielleicht liebst du es, im Wald spazieren zu gehen, zu nähen oder an Autos zu schrauben? Oder vielleicht sind es die morgendlichen 20 Minuten, in denen du dir frischen Bohnenkaffe mahlst, aufgießt und in kleinen Schlucken genießt, während du aus dem Fester schaust?
Nimm dir ruhig einen Moment Zeit und denke an eine Tätigkeit, die dir einfach Freude macht.
Und jetzt stell dir vor, es stünde ein Mensch daneben, der währenddessen all deine Bewegungen beobachtet. Der anfängt, zu kommentieren, was du verbessern solltest. Kleinere Schritte machen, schneller gehen, zum Nähen buntere Stoffe verwenden, dein Auto-Werkzeug auf eine klügere Art sortieren, die Kaffeetasse anders halten. Und wenn du diesen Anweisungen dann folgst, würde der andere Mensch dich loben. Gut gemacht. Well done.
Wie würde sich das anfühlen? Hättest du noch Freude an dem, was du tust?
Ich glaube nicht. Ich glaube, du wärst ziemlich herausgerissen aus deiner Freude, aus dem Gefühl, mit dir selbst, der Welt und deiner Tätigkeit verbunden zu sein. Wie eine ausgepustete Kerze. Du würdest die Vögel nicht mehr zwitschern hören, den Duft des Waldes nicht mehr wahrnehmen, den Geschmack deines Kaffees nicht mehr genießen.
Vielleicht würdest du dich plötzlich sehr klein fühlen. Gedemütigt. Traurig. Was eben noch schön war, macht plötzlich keinen Sinn mehr.
Anders wäre es vermutlich, wenn ein anderer Mensch mit dir zusammen den Wald bewundert, seine eigenen Stoffe oder Werkzeuge mitbringt, mit dir Ideen austauscht und sich über eure gemeinsamen Ergebnisse freut. Ein Mensch der neugierig darauf wäre, wie du es machst. Der nicht das Ziel verfolgt, dich zu verbessern, sondern es genießt, den Moment mit dir zu teilen und den Weg an deiner Seite zu gehen.
Ich möchte manchmal alleine durch den Wald gehen. Aber wenn ich mir Gesellschaft wünsche, dann eine, die sich für mich interessiert – und keine, die mich belehrt.
Wir wissen, dass es allen Menschen so geht. Aber seltsamerweise klammern wir meistens die Menschen aus, die jünger als 18 Jahre alt sind. Und ja, auch wenn inzwischen viele Lehrkräfte und einige Schulen versuchen, neue Wege zu gehen – ich sehe im Schulalltag vieler junger Menschen (z.B. in meinen Begleitungen, aber auch bei Freund*innen unserer Kinder) noch immer ein grundlegendes Problem:
Ziel von Schulbesuch und Unterricht ist in den meisten Fällen, einen jungen Menschen zu verbessern. Bessere Rechtschreibung, schnelleres Rechnen, akkurateres Zeichnen. Und vor allem: Am Ende ein gutes Zeugnis.
Lehrer*innen haben den Auftrag, aus den ihnen anvertrauten jungen Menschen „etwas zu machen“. Selbst, wenn sie es sich anders wünschen.
Das bedrückende Ergebnis sind Kinder, denen tagtäglich gesagt wird: „Du musst schneller werden. Du musst ordentlicher arbeiten. Du musst ruhiger sitzen.“ Die einen lächelnden Smiley bekommen, wenn sie sich anstrengen – und einen traurigen, wenn sie es wieder nicht geschafft haben. Es sind die ständigen kleinen Bewertungen, hunderte pro Woche.
Genauso traurig und gedemütigt, wie du dich damit fühlen würdest, fühlen sich diese jungen Menschen auch. Und wenn sie vor lauter Schmerz nicht antworten können, dann finden wir das oft „bockig“.
Sie werden geboren mit der Begeisterung, alles zu erkunden, was diese Welt hergibt. Mit der Sehnsucht nach Verbindung und Freundschaft.
Kennst du die Harry-Potter-Szene, in der Prof. Umbridge den begeistert dirigierenden Musiklehrer Flitwick aus dem Konzept bringt, indem sie ihm ein Maßband an die Seite hält und seine Größe in ihrem Notizbuch einträgt? Ungefähr das Gleiche passiert mit der Freude vieler Kinder, wenn sie unterrichtet werden. Jedenfalls dann, wenn der Unterricht ihre Leistung bemessen und zu einem Ziel führen soll, nach dem sie nie gefragt haben. Vielleicht werden sie lernen, die Anforderungen immer besser zu erfüllen. Aber was ihnen verloren geht, ist die Freude und das grundsätzliche Gefühl, richtig zu sein.
Gestern habe ich mit meinem Sohn über das Smiley-Belohnungssystem in der 3. Klasse geredet. Über das Gefühl, wenn er nach der Mathearbeit vor die Tür gerufen wurde. Allein in der Erinnerung zog sich sein ganzer Körper zusammen – bis irgendwann der erleichternde Seufzer kam: „Ich bin sooo froh, dass ich nicht mehr dort sein muss.“ Und ganz ehrlich – können wir das nicht alle nachfühlen?
Wenn wir beginnen, junge Menschen zu messen, zu testen, miteinander in Konkurrenz zu setzen – dann bereiten wir sie nicht auf ihr Leben vor. Wir brechen ihnen das Herz. Und unseres gleich mit.
Und das ist ein Problem, das viele noch immer nicht sehen (wollen): Mit unserem Vergleichen, Messen und Bewerten pflanzen wir nicht nur Unlust und Gleichgültigkeit („Bockigkeit“) – sondern tiefen, brennenden Schmerz. Trauer über den Verlust unserer Freude und Verbindung zueinander.
Wenn ich weiß, dass du mich bewerten wirst, dann kann ich mich in unserer Beziehung nie ganz entspannen. Dir nie wirklich vertrauen.
Noch bevor wir in diese Welt hinein gewachsen sind, verlieren wir das, wonach wir uns am meisten sehnen.
Das tut weh. So sehr, dass es kaum auszuhalten ist. Und statt den Schmerz zu fühlen, wird es immer leichter sein, einen anderen Menschen anzugreifen, niederzumachen, kleinzuhalten. Rechtzufertigen, dass alles gar nicht so schlimm war uns „uns das auch nicht geschadet hat“. Die Trennung aufrecht zu halten, anstatt die Sehnsucht nach dem zuzulassen, was uns wirklich fehlt.