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Der muss doch was lernen?! – Die Angst vor schulfreier Bildung

Kurz vor unserer Auswanderung wurde ich ins Leitungsbüro unserer Grundschule einbestellt. Dort wurde mir mit eisiger Stimme vorgehalten, was uns denn einfiele, außerhalb der Ferien zu verreisen!

Ich schluckte den fetten Frosch aus Scham und Wut herunter und erwiderte freundlich, dass wir nicht verreisen, sondern auswandern würden – möglicherweise wäre die Info nicht korrekt angekommen. 

Aha – das Gespräch wurde immer eisiger – dann müsste ich aber mindestens eine Folgeschule im Ausland angeben! Musste ich natürlich nicht. Ich erläuterte geduldig, dass wir gar nicht wüssten, ob, wann und wo unser Sohn wieder zur Schule gehen wolle.

Damit hatte ich endgültig die rote Linie überschritten und die wütende Antwort flog mir nur so um die Ohren: „Aber wie stellen Sie sich das vor?? DER MUSS DOCH WAS LERNEN!!“ 

Die ganze Situation war dermaßen absurd, dass ich hätte Tränen lachen können. Andererseits hatte ich schon so viele Frösche geschluckt, dass mir zum Lachen schlicht zu übel war.

Vielleicht fragst du dich gerade, warum das absurd sein soll – Schule ist schließlich zum Lernen da und außerdem gibt es doch die Schulpflicht.

Letzteres ist schnell geklärt: Deutschland ist ein Sonderfall in Sachen Schulpflicht – in fast jedem anderen Land ist irgendeine Form außerschulischer Bildung legal und möglich. In Deutschland allerdings scheint das Aufwachsen und die Bildung junger Menschen absolut untrennbar mit Schule verbunden zu sein – sowohl gesetzlich als auch in den Köpfen.

Dabei quillt das Internet inzwischen über von Kritik am deutschen Schulsystem (das sich kurioserweise seit 30 Jahren trotzdem kaum geändert hat). Doch die Wenigsten wagen es, den dicken Felsbrocken zur Seite zu schieben, der unsere Vorstellung von Bildung blockiert und die Sicht auf all die Möglichkeiten versperrt, die wir mit und ohne Schule haben.

Es ist die felsenfeste Überzeugung, dass Schule grundsätzlich der einzige Ort sei, an dem Kinder auf ihr Leben vorbereitet werden können – als ob sie nicht schon hier und jetzt ein Leben hätten.

Wenn Schule als DER Erfolgsgarant wegfällt – ja, was passiert dann eigentlich? 

Mein Gegenüber im Schulbüro hatte innerhalb von Millisekunden das schlimmste aller Drohbilder parat: Mein Sohn würde ohne Schule nämlich NICHTS mehr lernen – und das, obwohl er doch MUSSTE. Dass das auf inhaltlicher Ebene Blödsinn ist, wusste ich schon damals.

Inzwischen könnte ich Bücher mit dem füllen, was er ohne Schule seither gelernt hat: 2 neue Sprachen zum Beispiel. Wie es sich anfühlt, durch die stickigen, engen Gänge der Chephren-Pyramide zu kriechen oder in einer Gruppe von 7- bis 70jährigen Improvisationsmusik zu machen. Warum in Irland überall verfallene, moosüberwachsene Steinhäuser stehen oder wie er den Preis einer Drohne von britischen Pfund in Euro umrechnet. 

Wie gesagt, ich könnte diese Liste endlos fortsetzen, aber das wäre für dich nicht besonders spannend. Wenn du aufzählst, was du selbst in deinem Leben außerhalb von Schule gelernt hast, stehen sicherlich andere – und genauso wertvolle – Dinge darauf.

Die Entwicklung junger Menschen von Geburt bis zum Erklimmen der ersten Baumwipfel zeigt uns, wie unglaublich viel wir lernen, ohne je eine Schule betreten zu haben. Außerdem gibt es inzwischen haufenweise Forschungsliteratur zur Effektivität von informellem Lernen (ich empfehle z.B. Peter Gray), sodass ich mich ernsthaft frage:

Warum halten wir trotz all der Erkenntnisse so verbissen an der Idee fest, dass „richtiges“ Lernen nur durch Schulunterricht funktioniert?

Vielleicht liegt es daran, dass informelles Lernen wenig greifbar erscheint. Wenn wir es nicht messen können – ist es dann etwas wert? Wenn wir kein Zeugnis oder Zertifikat in der Hand halten – sind WIR dann etwas wert? Woran messen wir überhaupt Erfolg und Zufriedenheit? Es lohnt sich, diesen Fragen Raum zu geben.

Gleichzeitig glaube ich, dass es noch eine tieferliegende Ursache gibt – und an dieser Stelle kommt mir wieder das Gespräch vom Anfang in den Sinn. Hier ging es nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Bildungsforschung. Hier ging es um Angst und Macht. Ich hatte nur ein paar Informationen über unsere Pläne mitgeteilt, trotzdem war die Reaktion so heftig und voller Wut, als hätte ich die Lebensgrundlage meines Gegenübers angegriffen.

Möglicherweise – hier kann ich nur spekulieren – fühlte sich tatsächlich etwas in diesem Menschen allein durch unsere Option, das Schulsystem zu verlassen (und meine Unverschämtheit, das auch noch laut auszusprechen) existenziell bedroht. Aus dieser Perspektive wäre es nachvollziehbar, dass er mit allen Mitteln der Einschüchterung versuchte, mich in die Schranken zu weisen und mir klar zu machen, wo mein Platz in der Hierarchie war. 

Wir fürchten uns davor, den Felsbrocken aus Glaubenssätzen über Schule und Lernen anzutasten – weil wir es gewohnt sind, dafür bestraft zu werden. Besonders, wenn wir in der Hierarchie ganz unten stehen.

Für uns Eltern ist es oft leichter, uns mit „ist halt so“ und „geht nunmal nicht anders“ selbst in den Schranken zu halten, als das unangenehm brodelnde Gefühl auszuhalten, das aufsteigt, wenn wir uns fragen:

Was wäre denn, wenn es anders ginge? Was bedeutet es für unser Leben, wenn wir andere Wege sehen und ausprobieren? Wieviele Menschen werden sich dann abwenden oder uns Angst machen wollen?

Ganz speziell denke ich hier an Mütter – denn Mütter sind die, die am Ende alles tragen müssen. Das Leid ihrer Kinder,  wenn die nicht in die Schule gehen wollen. Die unerträgliche Aufgabe, sie trotzdem zu zwingen. Den Druck durch Behörden und Schulleitungen, wenn ihnen das nicht gelingt. Die selbstverständliche Beschämung („Was fällt Ihnen ein?! Was GLAUBEN Sie eigentlich?!“), wenn sie versuchen, andere Wege zu finden.

Das ewige Stigma, nicht gut genug zu sein und niemals erfüllen zu können, was von einer Mutter erwartet wird. Und – das schrecklichste aller Versagens-Szenarien: Am Ende hat ihr Kind womöglich NICHTS GELERNT!

Ich glaube, wir werden in unserem Ärger über die Schwächen des deutschen Bildungssystems nicht weiterkommen, wenn wir die dahinterliegenden emotionalen Strukturen nicht verstehen.

Da ist ein Monstrum aus unverarbeiteten Gefühlen von Macht und Ohnmacht, Wut und Scham – das in vielen Klassenräumen, Lehrerzimmern und Schulleitungsbüros unter der Decke wabert und nachmittags aus Hausaufgaben- und Korrekturheften kriecht.

Wenn wir es schaffen, den gesellschaftlichen Blick auf das kollektive Trauma von Ohnmacht und Fremdbestimmung zu richten, das Schule umgibt wie ein dicker Nebel – dann haben wir eine Chance, viel mehr zu erreichen als durch irgendein Anti-Mobbing-Training oder ein neues Unterrichtsfach „Glück“. Das wird wehtun, aber vielleicht endlich all die unnötigen Kämpfe beenden, die Millionen von Menschen Tag für Tag führen.

Zum Thema Adultismus – darunter auch Machtstrukturen und emotionale Gewalt an Schulen – hat Nina Downer vor kurzem ein interessantes Interview gegeben, für das ich ihr sehr dankbar bin. Denn je mehr Menschen über diese Zusammenhänge sprechen, desto eher kann sich der Nebel lichten.

Wenn wir dann einen klaren Blick haben, können wir uns in Ruhe anschauen, wie Lernen gelingt und was erfolgreiche Bildung ist. So schwer ist das nämlich gar nicht – und vor allem sind die Wege genauso vielfältig wie wir Menschen. 

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