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Kennst du diese Begegnungen, bei denen du immerzu erklärst, warum du was wann und wie machst? Bei denen du ständig Gefahr läufst, einen schiefen Blick, eine pieksende Frage oder ein genervtes Seufzen zu kassieren?

Vermeintlich „keine großen Sachen“ und trotzdem rasen deine Gedanken (und dein Herz), um das Gegenüber gnädig zu stimmen. Selbst, wenn es einigermaßen glatt läuft, fühlst du dich hinterher erschöpft, unzufrieden – und wenn du genau hinspürst, drücken Tränen hinter den Augen.

Du kannst solche Begegnungen aus deinem Leben schmeißen. Einfach so. Warum ich davon überzeugt bin:

Elternschaft in unserer Welt ist systemisch gesetzte Überforderung.

Wir können uns auf den Kopf stellen, um den Alltag noch etwas effizienter zu gestalten und die besten Strategien ausfeilen, damit sich das Kind morgens schneller die Schuhe anzieht.

Dass wir neben der Care-Arbeit Geld verdienen müssen, dass das Kind um 8 in der Schule sein muss und dass sich keine Sau dafür interessiert, ob wir die letzte Nacht ausschließlich damit verbracht haben, der kleinen Schwester die Kotzschüssel zu halten – diese Situation ist gesellschaftlich angelegt und gewollt. Ausgefeilte Morgenroutine hin oder her. 

Der Schauspieler Kit Harington bekannte öffentlich, Elternschaft sei anstrengender als alles, was er je am Set von Game of Thrones gemacht habe. So ist es. Es freut mich, dass er darüber spricht. Gleichzeitig bekommt er als weißer Mann, der sich 10 Haushaltshilfen leisten kann und die Ressourcen besitzt sich überhaupt zu äußern, jede Menge Anerkennung dafür.

Die alleinbegleitende Mutter mit der 2-Zimmer-Wohnung und dem Vollzeitjob für Mindestlohn bekommt nur die nächsten drei Briefe vom Amt. Und böse Blicke von den Nachbarn, wenn dreckige Gummistiefel im Treppenhaus stehen. Sie steht dem Nachtkönig samt Eisdrachen ganz real gegenüber.

Eltern hören ständig, sie sollten Selbstregulation lernen, um ihren Job gut zu machen. Das ist aber verdammt schwer, wenn dir von außen dauernd Leute ans Bein kacken. 

Von all den Müttern, die ich in den letzten Jahren begleitet habe, fällt mir keine einzige ein, die nicht irgendwann von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln geplagt wurde – mich eingeschlossen. Erstens, weil uns seit frühester Kindheit antrainiert wurde, so zu fühlen. Und zweitens, weil uns noch immer täglich mitgeteilt wird, dass wir als Eltern nicht ausreichen. Oft subtil, in unangenehmen Blicken, Stimmlagen, rhetorischen Fragen, halbversteckten Hinweisen, unterschwelligen Drohungen.

Wenn es dir auch so geht, möchte ich dir sagen: Menschen, die dieses Gefühl immer wieder neu in dir entfachen, sind wie ständiges Gift in der Wunde. Auch, wenn sie fürsorglich daherkommen. Auch oder gerade, wenn du sie schon dein Leben lang kennst.

Du darfst dich vor ihnen schützen. Ich glaube sogar, du musst es, wenn du dich wirklich ernst nimmst und Selbstfürsorge keine Wellness-Floskel bleibt.   

Du bist genug. Du bist verantwortlich für deine Werte und die Haltung gegenüber deinen Kindern, aber du bist nicht Schuld an der überfordernden Situation, in der du (gemeinsam mit Millionen anderen Eltern) steckst. Du machst den härtesten Job der Welt und was dir am allerwenigsten hilft, sind Leute, die dir wehtun.

Wir „lernen“ Selbstregulation nicht, indem wir uns noch mehr anstrengen, alles richtig zu machen. Sie entsteht, wenn unser Nervensystem sich sicher fühlt.

Daher mein Vorschlag: Nutze jeden Moment deiner kostbaren Zeit, um Kraft und Wohlwollen zu tanken und verbringe sie mit Menschen, die dich sehen und verstehen, bei denen dein Körper sich entspannt. Menschen, die dich mögen, weil du genau so bist, wie du bist – unperfekt und verletzlich – und die es genießen, mit dir zusammen zu sein. Hülle deine tiefe Wunde der Scham in warmes Licht aus Verbundenheit und Mitgefühl, damit sie heilen kann.

Vielleicht klopft etwas in dir gerade zweifelnd an und fragt, wie du das anstellen sollst. Meine Gedanken dazu gibt es im zweiten Teil.

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