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Die Schulpflicht ist eine soziale Errungenschaft – und die Erde eine Scheibe?

Letzte Woche stieß ich beim Stöbern nach guten Podcasts auf ein Deutschlandfunk-Interview zum Thema Schulpflicht.

Der Deutschlandfunk hat in der Vergangenheit schon wirklich gute Beiträge zur Schulpflicht gesendet. Diesmal nicht.

Zu Gast war irgendein Bildungsprofessor, der den Pflichtschulbesuch als „große soziale Errungenschaft“ bezeichnete. So weit, so langweilig.

Dann folgte die schrägste Begründung, die ich je gehört habe: Jedem Kind müsse die Erfahrung zugemutet werden, unterschiedliche Meinungen, kulturelle Hintergründe und sonstige Vielfalt zu ertragen – um Toleranz zu entwickeln. Ich gebe keine Garantie auf den exakten Wortlaut, aber die Begriffe „zugemutet“ und „ertragen“ waren definitiv dabei. 

Beim Hören zog sich alles in mir zusammen. Ich flüchtete nach draußen, um frische irische Luft in meine eingeklemmten Lungenflügel strömen zu lassen. 

Nach ein paar Schritten begann ich, meine Beklemmung zu verstehen. Ich sah mich selbst als braves kleines Mädchen vor diesem alten weißen Professor sitzen. (Sorry an alle Professoren in meinem Leben, die echtes Interesse an menschlicher und kultureller Vielfalt haben. Ihr seid nicht gemeint.) 

Tausendmal wurde mir von solchen Leuten erzählt, dass die Schulpflicht eine „Errungenschaft“ sei und Schule nur zu meinem Besten. 999-mal habe ich die abgedroschene Phrase geschluckt, geglaubt – und meinem zweifelnden Herzen eingeredet, es läge falsch. 

Und jetzt kommt die bittere Wahrheit: In der Schule habe ich ein paar schöne Erfahrungen gemacht (Theater-AG zum Beispiel). Vor allem aber habe ich gelernt, dass Menschen manipulativ und brutal sein dürfen. Dass Anderssein bestraft wird und ich es weder in Worte fassen, noch mich dagegen wehren kann. Dass meine Leistung und die Meinung der anderen immer wichtiger sind als meine emotionale Gesundheit. 

Ich habe in der Schule vieles ertragen, aber Toleranz und Freude (!) an Vielfalt begann ich erst zu entwickeln, als ich Luft zum Atmen bekam. 

Als ich mich z.B. in einen Mann verliebte, der in seinem Leben Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung gemacht hatte, die ich mir nie hätte vorstellen können – und dank meiner feinen Gymnasialerziehung erstmal ordentlich reproduzierte. 

Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er mir die ersten Monate und Jahre geschenkt hat, obwohl ich ihm geballte Intoleranz um die Ohren klatschte. Dass er mir die Chance gab, meinen Rassismus zu erkennen, mich selbst dafür nicht zu verurteilen – und dann meine echte innere Begeisterung für Vielfalt wieder zu entdecken. 

Auf diese Art habe ich gelernt, in Liebe über den Tellerrand zu schauen. Und wenn wir auch als Eltern genauso fehlerhaft sind wie jedes andere lebendige Wesen: Die Fähigkeit, Vielfalt zu leben (nicht nur zu tolerieren) und mit offenem Herzen in die Welt zu gehen – die hatten unsere Kinder schon immer. Unsere Aufgabe ist nur, sie nicht kaputt zu machen. 

Am Ende der Schulzeit hatte ich ein Stück Papier mit lauter guten Noten in der Hand, aber mein Blick auf die Welt war gnadenlos eingeschränkt. Mein Selbstvertrauen zerstört. Mein Nervensystem auf reines Überleben gepolt. 

Es mag andere Erfahrungen und einzelne tolle Schulen geben. Fair enough. Ich freu mich über jeden Lernort, zu dem Menschen gehen, weil sie unbedingt wollen – nicht, weil sie müssen. 

Und ja, es gibt junge Menschen, deren Zuhause kein gesunder Ort ist. Aber wenn es der Auftrag von Schulen ist, diese Menschen aufzufangen und für ihr soziales und emotionales Wohl zu sorgen, dann machen viele davon ihren Job einfach grottig. Es ist kein Geheimnis: Die Mobbing-Zahlen an Schulen sind erschreckend hoch und die Suizidraten von Jugendlichen steigen auffällig in den ersten beiden Tagen nach Ferienende.

Man könnte evtl. kurz darüber nachdenken, ob die rigorose Schulpflicht wirklich so eine prima Erfindung für alle jungen Menschen ist. Vor allem, wenn man nicht sicherstellen kann, dass es ihnen gut geht an diesem Ort, der ihnen „zugemutet werden muss“.

Mich selbst hat es nach dem Schulabschluss Jahre gekostet, wieder in die Welt zurückzufinden und mit Freude und Interesse am Leben teilzunehmen. Inzwischen geht mir das leere Gerede von „Schulpflicht als Errungenschaft“ und „Erlernen von Toleranz“  derartig auf die Nerven, dass ich allen Bildungsprofessor*innen aus tiefster Seele zurufen möchte: Hört doch bitte endlich damit auf! 

This is not true. Not for me. 

Und damit kommen wir zum wirklich spannenden Teil. Dem Ding mit der Wahrnehmung.

Ich könnte voller Tatendrang eine lange Liste von Gründen aufschreiben, warum ich glaube, dass die deutsche Schulpflicht keine Errungenschaft, sondern im besten Fall unnötig und im schlimmsten eine Qual ist. 

Aber erstens verzweifle ich am Ende regelmäßig an der Erkenntnis, dass so viele Menschen die offensichtlichen Tatsachen ignorieren, und zweitens gibt es schon viele solcher Listen. (Wenn du dir trotzdem eine von mir wünscht, schreib es bitte in die Kommentare!) 

Mindestens genauso spannend ist die emotionale Misere, in der ich mit meiner Schulpflicht-Kritik stecke. Vielleicht geht es dir ähnlich:

Ich halte etwas für ausgemachten Bullshit, das im Weltbild der meisten Deutschen völlig normal ist. Und das fühlt sich verdammt beklemmend an.

Natürlich könnte ich mir einreden, dass der Deutschlandfunk einfach böse ist. Die Leute alle gelenkte Marionetten. Und ich eine der wenigen Erleuchteten, die die Wahrheit verstanden haben. Das wäre bequem, funktioniert aber für mich nicht

Also muss ich mal wieder den steinigen Weg nehmen und aushalten, dass es komplizierter ist.

Es gibt Menschen, denen ich eine Menge zutraue, mit denen ich inspirierende Gedanken austausche, die ich schätze, sogar liebe – und viele von ihnen sind im Bereich Schule auf einem grundlegend anderen Weg unterwegs als meine Familie und ich. Ein Weg, den ich mit Seele und Verstand für den morschesten aller Holzwege halte. Trotzdem ist es ihr Weg. Es liegt weder in meiner Macht noch in meiner Verantwortung, sie auf einen anderen zu bringen.

Und es wird noch unbequemer. Wir gehören zur Minderheit. So sehr zur Minderheit, dass wir gehen mussten, obwohl wir dazugehören wollten. In Deutschland gehörten wir zur kleinsten aller Minderheiten: Der, die es nicht geben darf.

Tatsächlich taucht hin und wieder das kleine Mädchen mit dem schmerzenden Herzen auf und fragt: Vielleicht bin ich einfach verrückt? 

Aber heute kann ich sie beruhigen. Inzwischen sind mein Herz und mein Kopf sich einig, dass der Satz „Schulpflicht ist eine Errungenschaft, für die wir dankbar sein sollten“ nicht die Wahrheit ist. Es ist ein simpler Glaubenssatz. Eine Erzählung, die mich nicht überzeugt. Ich glaube ja auch nicht daran, dass die Erde eine Scheibe ist – obwohl das lange Zeit die normalste aller Vorstellungen war. 

Dafür muss ich akzeptieren, dass andere mich für verrückt halten. Und ich muss akzeptieren, dass Menschen, die ich NICHT für verrückt halte, etwas anderes glauben als ich. 

Aber ich belüge mein Mädchen nicht mehr. Lieber bin ich ein bisschen verrückt. 

Und etwas macht den steinigen Weg deutlich angenehmer: Die neue Umgebung. In Irland gehören wir als schulfreie Familie zwar auch zur Minderheit, aber das Recht auf einen Bildungsweg außerhalb von Schule ist in der Verfassung verankert. Lass dir das ruhig mal kurz auf der Zunge zergehen: 

Ein Recht auf schulfreie Bildung. In der Verfassung.

Die Entscheidung für den Bildungsweg liegt in erster Instanz bei der Familie. Denn der irische Staat hat Vertrauen darin, dass die allermeisten Eltern kompetent und fähig dazu sind, gut für ihre Kinder und deren Bildung zu sorgen. Vielen Deutschen mag sich hier der Magen umdrehen – am Ende ist es eine Frage des Tellerrands. 

Außerdem haben wir hier einen Freundeskreis von wunderbaren (und ausgesprochen unterschiedlichen) Menschen, die wie wir ohne Schule leben. Die Frage nach Verrücktheit stellt sich im Alltag also kaum noch. 

Es sei denn, ich höre im Deutschlandfunk mal wieder einen verrückten Professor. Dann muss ich mich kurz daran gewöhnen, dass meine Heimat beim Thema Schulpflicht auf dem Holzweg ist. In meinem Weltbild zumindest. 

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