In meinem letzten Artikel über unseren Umgang mit Zukunftssorgen habe ich dich ermutigt, eure Tagesgestaltung mehr in die eigene Hand zu nehmen – und wenn es nur darum geht, die Hausaufgaben zur Seite zu legen und eine halbe Stunde länger zusammen beim Abendessen zu sitzen. Dir immer wieder bewusst zu machen, dass euer Familienalltag vor allem eines ist: Eure Lebenszeit. Ich reite auf diesem Wort ein bisschen herum, aber das hat einen Grund:
Eure Lebenszeit ist unglaublich kostbar.
Momentan erleben wir, wie sich die Welt in atemberaubendem Tempo verändert und unsere Zukunft immer weniger planbar wird. Pausen, in der wir durchatmen und uns sammeln könnten, gibt es nicht mehr.
Und seit ich mit meiner Familie die Strukturen des deutschen Schulsystems verlassen habe und einen anderen Weg gehe, sehe ich immer deutlicher, was diese Strukturen mit uns machen. Wie gefangen und belastet Menschen darin sind – während die Welt außerhalb von Schule sich immer schneller dreht und Unsicherheit und Stress durch Zukunftssorgen immer größer werden.
Es schmerzt mich zu sehen, wie Millionen Familien enormen Kollateralschaden in Kauf nehmen, während sie Zielen hinterherlaufen (müssen), die keinen Sinn mehr machen.
Vor kurzem hat mir eine liebe Podcast-Hörerin einen Artikel über die Alemannenschule zugeschickt. Abgesehen davon, dass ich mir viel mehr solcher Lernorte wünsche (am besten frei zugänglich für Menschen jeden Alters) berührt mich besonders der Titel – eine Aussage des Schulleiters:
„Unterricht ist Zeitverschwendung.“
Denn sowohl unsere eigenen Erfahrungen als auch meine Beobachtungen aus Elternbegleitungen und unserem Freundeskreis zeigen mir immer wieder:
Schule kann uns auf fatale Weise daran hindern, unser kostbares Leben zu leben.
Natürlich gilt das nicht für alle Schulen oder alle Menschen, die zur Schule gehen. Die Alemannenschule ist ein gutes Beispiel dafür, dass es anders geht. Auch wenn wir hier noch immer das Problem der Schulpflicht und Eingrenzung auf bestimmte Altersgruppen haben – innerhalb dieses Rahmens ist selbstbestimmte Bildung viel eher möglich als in den meisten anderen Schulen.
Und natürlich will ich keine Familie, die glücklich und zufrieden mit ihrem Schulalltag ist, von etwas anderem überzeugen. Schulbesuch kann durchaus der beste Weg für euch sein.
Was ich aufbrechen möchte, sind die festgefahrenen Vorstellungen davon, zu welchen Zielen Schule (und nur Schule!) uns führt.
Wenn ich ChatGPT nach den zentralen gesellschaftlichen Zielen von Schulbesuch frage, bekomme ich eine Liste von Argumenten, die mir regelmäßig von Kritiker*innen außerschulischer Bildung vorgehalten werden. 3 der häufigsten sind:
- Wissensvermittlung – Kinder sollen grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, um auf das Berufsleben vorbereitet zu sein.
- Soziale Integration – Schule soll Kinder in die Gesellschaft eingliedern, den Umgang mit anderen lehren und soziale Kompetenzen fördern.
- Disziplin und Struktur – Schule soll Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit vermitteln, sich an Regeln zu halten.
Ich beginne mit dem ersten Punkt:
1. Wissensvermittlung und Berufsvorbereitung
Sein wir ehrlich – Wissensvermittlung findet in vielen deutschen Schulen noch genauso statt wie schon zu meiner Schulzeit. Mit Frontalunterricht, Lehrbucharbeit, getrennten Fächern und standardisierten Prüfungen. Da vorne steht jemand, der mir etwas „beibringt“, das lerne ich dann auswendig, spucke es in der Prüfung aus und habe es nach wenigen Wochen wieder vergessen.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber schon an diesem Punkt möchte ich in die Tischkante beißen.
In einer Zeit, in der wir jede beliebige Frage ins Handy tippen können und in Sekundenschnelle mit Faktenwissen zugeschüttet werden, ist diese Form von Wissensvermittlung so veraltet und ineffizient, dass es nur einen Grund geben dürfte, damit weiterzumachen: Es müsste allen schier unglaubliche Freude machen. Haha.
Meine Kinder wissen durch eigene Recherche in vielen Bereichen mehr als ich.
Ob es um die Flügelspannweite von Flugsauriern oder die Beschaffenheit von Kohlensäure im Sprudelwasser geht – sie wissen, wie sie an Informationen kommen. Genauso haben sie eine angemessene Skepsis gegenüber Quellen im Internet entwickelt und gelernt, Informationen auf Sinnhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. Wissen ist überall verfügbar – viel mehr, als unsere Gehirne noch aufnehmen und speichern können.
Müssten meine Kinder Vokabeln auswendig lernen, hätten sie weniger Zeit, das zu recherchieren, was wirklich relevant für sie ist. Sie hätten weniger Zeit zu lernen, wie sie aus der täglichen Informationsflut wertvolles und sinnvolles Wissen herausfiltern. Wie sie sich vor der Überschwemmung mit Fakenews und Datenmüll schützen. Und übrigens hätten sie auch weniger Zeit, mit ihren Freund*innen zu spielen – wodurch sie neue Sprachen viel schneller und nachhaltiger lernen als mit Vokabeltests.
Und was die Berufsvorbereitung angeht:
Schon in 5-10 Jahren wird es viele Berufe vermutlich nicht mehr geben (Steuerberater*innen zum Beispiel) und die meisten Berufe werden völlig neue Fähigkeiten erfordern. Fähigkeiten, von denen wir jetzt noch keine Ahnung haben, weil sie mit Technologien verbunden sind, die gerade erst entwickelt werden.
Wie soll traditioneller Unterricht mit Wissen aus alten Lehrbüchern auf so eine Zukunft vorbereiten?
Ok, aber es gibt ja noch andere Ziele, z.B.:
2. Soziale Teilhabe und das Entwickeln sozialer Fähigkeiten
Das ist mit Abstand mein Lieblingsthema. Denn ich glaube, nirgendwo sind wir so blind wie beim Thema Sozialisation und Schule. Ich habe 37 Jahre Erfahrung mit dem Zusammenleben von Menschen in unterschiedlichsten Gemeinschaften, Zusammenhängen, Regionen und Kulturen. Und inzwischen bin ich mir sicher:
Im besten Fall zerstört Schule unsere sozialen Fähigkeiten nicht.
Dann freuen wir uns über gelungene Theaterprojekte und Freundschaften, die noch Jahrzehnte halten. Aber ganz ehrlich: Für Theatergruppen, Gemeinschaftsprojekte und tiefe Freundschaften brauchen wir Schule nicht unbedingt. Es gibt so viele Möglichkeiten, das in unser Leben zu holen – Schule ist nur eine davon.
Im schlimmeren (und leider nicht so seltenen) Fall führt traditionelle Beschulung aber ins Gegenteil.
Es wird selten so deutlich benannt, aber unser Schulsystem zwingt junge Menschen über Jahre in einen extrem unnatürlichen sozialen Kontext. Sie werden mit einer großen Gruppe von Gleichaltrigen in Konkurrenz gesetzt, bekommen dabei von einzelnen Erwachsenen permanent Handlungsanweisungen und erleben sich selbst häufig als ohnmächtig und unwirksam.
Das ist der perfekte Nährboden für Mobbing und anderen Formen der Gewalt.
Ein Satz, den ich schon oft gehört und früher für wahr gehalten habe, ist: Kinder sind brutal. Das stimmt nicht. Sie werden im Umgang miteinander brutal, wenn wir sie in eine Umgebung zwingen, die ihnen keine andere Wahl mehr lässt.
Viele Erwachsene erinnern sich mit Unbehagen an die spannungsgeladene Atmosphäre ihrer Kindergartengruppe oder Schulklasse und denken, das wäre normal. So sind Kinder halt. Was für ein fataler Irrtum.
Was junge Menschen eigentlich mitbringen, ist ein Streben nach Verbindung, Co-Kreation und geteilter Freude, das wir in unserer verschulten Denkweise kaum mehr erahnen können.
Ich glaube, dass unser bisheriges Konzept von Erziehung und (fremdbestimmter) Bildung auch zu der angespannten sozialen und politischen Situation geführt hat, in der wir uns nun befinden. Und dass wir diesen Bereich revolutionieren müssen, wenn wir echten Frieden wollen.
Mitgefühl, Neugier, Kreativität – junge Menschen bringen alles mit. Wir müssen nur aufhören, es kaputt zu machen.
Aber was ist mit Disziplin und Struktur? Das lernen Kinder doch ohne Schule nicht? Wie sollen sie jemals Ziele erreichen, wenn sie nie für eine Prüfung gelernt haben?
Und auch hier kann ich aus vollem Herzen widersprechen. Denn wir haben etwas grundlegend missverstanden. Bei all diesen Fähigkeiten geht es um:
3. Motivation und Durchhaltevermögen
Schule arbeitet in den meisten Fällen stark mit extrinsischer Motivation. Wenn ihr ruhig seid, dürft ihr früher in die Pause. Wenn du für den Mathetest lernst, bekommst du eine gute Note. Oder umgekehrt: Wer stört oder zu langsam ist, muss nachsitzen. (Ja, bewusste Pausenverkürzung für einzelne Schüler war auch in der Grundschule meines Sohnes völlig alltäglich.) Wer nicht auswendig lernt, bekommt eine schlechte Note. Beides ist beschämend und unangenehm. Auch, wenn wir statt Noten Sternchensysteme oder Smileys nehmen.
Extrinsische Motivation bedeutet, Bestrafung zu vermeiden und Belohnung zu suchen.
Wir beißen uns durch die Referatsvorbereitung, weil wir Angst vor einer schlechten Note oder dem Versagen vor der Klasse haben. Aber um den Inhalt geht es meist gar nicht. Diese Form des Lernens ist nichts anderes als Konditionierung. Oder etwas härter ausgedrückt: Manipulation.
Und ja, das funktioniert. Wir können Menschen auf diese Art dazu bringen, Dinge zu tun oder zu lassen – sogar diszipliniert auf ein Ziel hin zu arbeiten, ohne dass sie dabei Freude empfinden. Und es ist in unserer Gesellschaft so normal geworden, dass wir Konditionierung mit Lernen gleichsetzen. („Mein Kind will lieber spielen als lernen!“)
Absurderweise haben wir vollkommen aus dem Blick verloren, dass Menschen von Geburt an einen enorm starken Wachstumsmotor mitbringen, der gar keine Konditionierung braucht:
Intrinsische Motivation. Die pure Freude am Lernen, gepaart mit unglaublichem Durchhaltevermögen.
Intrinsische Motivation führt nachgewiesenermaßen zu besseren und nachhaltigeren Lernerfolgen als Belohnung und Bestrafung. Ein Beispiel aus unserem Alltag:
Mein Sohn ist Schlagzeuger und spielt in verschiedenen Bands. Über die letzten Jahre habe ich eine wichtige Beobachtung gemacht: Seine stärkste Motivation ist entweder, wenn er die Musik so sehr liebt, dass er sie durch das Spielen „erleben“ will, oder wenn er in einer Gruppe spielt.
Am besten ist es, wenn die Begeisterung für Musik und das Gemeinschaftserleben zusammen kommen. Dann gibt es quasi kein Halten mehr und er übt ohne Probleme jeden Tag mehrere Stunden extrem fokussiert und diszipliniert – was zum Teil körperlich so anstrengend ist, dass ihm der Schweiß von der Stirn läuft. Aber die Augen leuchten. Auf diese Art hat er letzte Woche innerhalb von 3 Tagen Master of Puppets auswendig und bühnenreif spielen gelernt. Ziel erreicht.
Das Einzige, was ihn beim Lernen hemmt, ist klassischer Unterricht.
Wenn Menschen von ihm wollen, dass er bestimmte Übungen macht, um noch besser zu werden. Dann beginnt er, Erwartungen zu erfüllen. Aber Freude und Sinnhaftigkeit verlöschen und er spielt immer seltener, kürzer – und erreicht Ziele gar nicht oder nur kurzfristig und verlernt sie dann wieder.
Das heißt nicht, dass Lehrer*innen schlecht sind. Mein Sohn erinnert sich z.B. gerne an seinen ersten Schlagzeuglehrer in Deutschland, mit dem er begeistert zusammen gespielt hat. Und auch sein jetziger Lehrer und Bandkollege ist wichtig für ihn – vor allem, wenn sie zusammen an Songs und Auftritten arbeiten, auf die sie beide richtig Lust haben. In vielen Bereichen brauchen wir andere Menschen (nicht nur YouTube oder ChatGPT), um unser volles Potenzial zu entfalten.
Was wir aber nicht brauchen, ist Unterricht, der mit Konditionierung arbeitet. Der von uns erwartet, Ziele zu erfüllen, die gar nicht unsere sind. Es lohnt sich einfach nicht.
Ich weiß, dass viele Familien wichtige Gründe haben, mit Schule zu leben. Ich weiß, dass viele Erfahrungen, die wir in der Schule machen, emotional bedeutsam für uns sind und dass es deshalb unangemessen ist, Schule pauschal als „unsinnig“ abzutun. Und nicht zuletzt glaube ich, dass wir weiterhin Schulen brauchen – als Lernorte in völlig anderer Form. Die Alemannenschule macht einen guten Anfang.
Gleichzeitig glaube ich, dass Schule – in der Form, die die meisten von uns kennen – tatsächlich Zeitverschwendung ist. Mehr noch:
Viele junge Menschen zahlen durch jahrelangen Schulbesuch einen viel zu hohen Preis. Die Verschüttung von Fähigkeiten und Werten, die sie in unserer unsicheren und herausfordernden Zukunft dringend brauchen.
Nach dem Eklat im Weißen Haus letzte Woche habe ich irgendwo gelesen, Trump hätte Zelensky wie einen Schuljungen behandelt. Ja, das hat er – und es war kaum auszuhalten.
Und an dieser Stelle möchte ich laut STOPP rufen.
Wartet alle mal einen Moment, bevor ihr zur nächsten Nachricht weiter scrollt. Genau hier sollten wir innehalten. Trump hat Zelensky wie einen Schuljungen behandelt. In diesem Satz liegt eine entscheidende Wahrheit verborgen, an der die meisten beharrlich vorbeischauen:
Trump hat irgendwo gelernt und erlebt, dass Menschen so miteinander umgehen. Manipulativ. Machtvoll. Mit Belohnung und Bestrafung. Wenn du nicht dankbar bist, bekommst du keine Hilfe von mir. Wenn du nicht lernst, was ich dir auftrage, dann bekommst du eine schlechte Note. Wenn du nicht mitmachst, musst du nachsitzen.
Wenn Regierungschefs einander wie Schulkinder behandeln, finden wir das unerträglich. Wollen wir dann wirklich unsere Kinder „wie Schulkinder“ behandeln?
Wenn du Lehrer*in, Vater oder Mutter im Schulsystem bist, dann könnte es sein, dass meine Worte in dir Unbehagen, Druck, Überforderung oder sogar Wut auslösen. Ich möchte an dieser Stelle nochmal deutlich sagen:
Dass Schule viele junge Menschen mehr schlecht als recht ins Leben begleitet, ist NICHT Schuld einzelner Lehrer*innen oder Eltern. Es ist ein strukturelles, gesellschaftliches Problem.
Der Grund, warum ich das hier aufschreibe, ist nicht, dass ich dir ein schlechtes Gewissen machen will für deinen Familien- oder Arbeitsalltag. Ich bin sicher, du hast gute Gründe für jede deiner Lebensentscheidungen.
Und mir gehen Sprüche wie „wenn du noch nicht glücklich bist, dann willst du es nicht genug“ oder „wenn du weiter im System bleibst, dann erfindest du nur Ausreden“ gewaltig auf den Keks. Echt mal. Lasst uns damit bitte aufhören. Das ist eine gemeine Vereinfachung und wälzt strukturelle Gewalt auf einzelne Menschen ab, die selbst darunter leiden.
Ich will dich nicht für deinen persönlichen Weg verurteilen. Ich will Bewusstsein schaffen.
Ich will Licht in etwas bringen, das ich wie einen riesigen blinden Fleck auf unserer gesellschaftlichen Landkarte erlebe. Damit wir uns als Gesellschaft von Zielen und Vorstellungen lösen können, die uns hemmen und krank machen. Damit wir für dich, mich und alle anderen Menschen neue Wege finden.
Wenn dir das genauso am Herzen liegt, kannst du diesen Artikel kommentieren und mit anderen teilen. Das hilft mir sehr, überhaupt gesehen zu werden in dieser lauten Welt. Aufmerksam auf das zu machen, woran so viele Menschen beharrlich vorbeischauen.
Wenn wir Frieden wollen, dann müssen wir damit beginnen, unser menschliches Mitgefühl, unsere Neugier, innere Motivation und Lebensfreude zu erhalten.
Das ist keine theoretische Überlegung, sondern meine alltägliche, praktische Erfahrung. Viele von uns haben keine Ahnung, was abseits der ausgetretenen Wege alles möglich ist. Welches unglaubliche und bezaubernde Potenzial in uns liegt. Und wie traurig es ist, all das durch traditionelle Erziehungsmethoden und fremdbestimmte Bildungsziele zu verschütten.