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Heute war einer der Tage, an denen ich den Kopf auf meine angezogenen Knie legte und an allem zweifelte – inklusive meinem eigenen Verstand. Nein, wir hatten in Deutschland kein Schloss. Aber ein kleines Reihenhäuschen mit putzigem Garten, funktionierenden Heizungen und heilen Wänden. Deutsche Qualität eben. Damals war mir nicht klar, was in anderen Ländern alles als „Haus“ bezeichnet wird.

Das, in dem wir jetzt leben, hat so viele Löcher, dass wir ein halbes Jahr brauchten, um alle zu finden und abzudichten. Anfangs blies mir der Wind im Wohnzimmer die Haare aus dem Gesicht – gut, dass wir Bahnhof gewohnt waren. Wenn oben eine Murmel über den Boden rollt, klingt es unten wie kurz vor Deckeneinsturz. Schimmel ist in Irland allgegenwärtig, zum Glück können wir unseren meist rechtzeitig abwischen. 

Gestern wollte ich gerade ins kuschelige Bett steigen, als mein Blick auf eine frische Wasserlache fiel, die ihren Ursprung eindeutig in der Wand hinter der Fußleiste hatte. 

Mein Verstand meldete, dass Wasser aus der Wand kein Grund für Freudentaumel ist. Mein Herz blieb kurz stehen, um dann in angemessene Raserei zu verfallen. Nach mitternächtlichen Klopf-Untersuchungen waren wir uns ziemlich sicher: Das Wasser kam nicht aus einem der Rohre, sondern aus der undichten Dusche, die direkt hinter der (papierdünnen) Wand liegt. Neues Silikon auf den Duschrand, meinte mein krisenerprobter Mann, würde schon helfen. Und, naja, bisher ist kein Wasser nachgelaufen.

Dennoch, in diesem Moment schrie in mir die Sehnsucht nach unserem alten Zuhause mit dem feinen Korkboden und den Vollholz-Möbeln. Diese Sicherheit, diese Vertrautheit. 

Und dann kam die kalte, vertraute Stimme: „Siehste, wärst du mal nicht so blauäugig in die Welt spaziert – wo doch viele Leute dich gewarnt haben.“ 

Du kannst dir denken, dass jetzt die Wendung kommt. Blauäugig ist hier schonmal niemand. Und auch sonst hatte ich einiges ausgelassen aus meiner inneren Rechnung. Zum Beispiel dass wir alle nur wenige Tage vorher Glückstränen geweint hatten, weil wir uns an diesem Ort, mit den Menschen, der Natur und der Musik um uns herum wirklich zuhause fühlten und zutiefst dankbar dafür waren.

Als heute wieder die Zweifel in mir hochschossen, entschied ich mich für einen Spaziergang durch die herbstliche Dunkelheit. Schon nach wenigen Minuten ließen die novemberkalte Luft in meinen Lungen und der Blick auf die mondbeschienene irische Hügellandschaft wieder Dankbarkeit in mir aufsteigen.

Nein, ich wusste vor zwei Jahren nicht, welche Schwierigkeiten und Verzweiflung uns begegnen würde – und das ist gut so, denn sonst hätte ich mich nicht getraut, loszugehen.

Ich hätte all die wunderbaren Begegnungen nicht gehabt, all die tiefen Erkenntnisse nicht gewonnen und nicht erfahren, wie sich innere Freiheit anfühlt. Als ich von meinem Spaziergang zurückkam, betrat ich unsere windschiefe Bruchbude an der Haselwiese und mir schlug eine Welle von Wärme, Essensduft und Coldplay-Musik entgegen. Hier warteten drei durch und durch entspannte und glückliche Menschen auf mich. 

Unsere Bruchbude hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie steht in Irland. Und sie riecht nach uns. 

So hat es eine liebe Freundin kurz nach unserer Ankunft beschrieben, als wir noch ganz zerfleddert und verloren in unserem zugigen Wohnzimmer saßen: „Das Haus muss erst euren Geruch annehmen.“ Sie wusste, wovon sie sprach, denn sie war 2 Jahre vorher hier angekommen. „Aber glaub mir, irgendwann wollt ihr nicht mehr weg.“ Wie recht sie hatte.

Ja, ich will ein schönes Haus. Und gleichzeitig weiß ich, dass jetzt gerade alles richtig ist, mit der Sehnsucht und der Dankbarkeit. Ich habe schon so viele Schätze gefunden auf diesem Weg in die Welt – das schöne Haus liegt bestimmt noch vor mir. 

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