In den letzten Wochen und Monaten frage ich mich häufig, wofür ich das hier eigentlich mache. Wenn die Welt immer mehr aus den Fugen gerät – wie viel Sinn hat es, über Schulpflicht, selbstbestimmte Bildung und Lebensträume zu reden? Haben die Menschen nicht andere Sorgen? 

Und obwohl ich zwischendurch zweifle, komme ich immer wieder zu dem Ergebnis: Es macht Sinn. 

Diese Themen sind wichtig. Für dich und für mich. Gerade jetzt. 

Meine Familie und ich sind vor 3 Jahren ausgewandert und haben uns damit von Strukturen befreit, die uns im Alltag enorm belastet und eingeschränkt hatten. In Irland leben wir insgesamt deutlich entspannter und zufriedener – unter anderem, weil unsere Kinder hier freilernen dürfen. (Lies dir dazu gerne die verlinkten Blogartikel durch.)

Ein „Aussteigerleben“ führen wir aber nicht.

Im Gegenteil, wir sind eingebunden in alle möglichen sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Systeme. Wir organisieren und gestalten Community-Events wie Konzerte und Workshops. Wir brauchen wie alle anderen Geld, um Rechnungen zu bezahlen und unser Leben zu gestalten. Wir spüren die Auswirkungen von politischen Entscheidungen und politischer Untätigkeit – z.B. was die irische Wohnungsknappheit, steigende Haus- und Mietpreise angeht. 

Wenn ein Sturm wie Éowyn durch das Land fegt, ist unsere Region plötzlich von der Stromversorgung abgeschnitten. Wir wissen, dass mit dem Klimawandel immer häufiger heftige Stürme kommen werden. Und natürlich bekommen wir mit, was in anderen Teilen der Welt passiert.

Wir haben uns aus vielen beengenden Strukturen befreit – aber wir sind und bleiben ein Teil dieser Welt. 

Und wie viele andere Menschen habe ich momentan Sorgen. Vor allem um die Zukunft, in der unsere Kinder aufwachsen. Ich sehe, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Ich merke, dass KI unser Leben rasant verändert. Ich erfahre regelmäßig in unserem Alltag, dass der Klimawandel nicht erfunden wurde. Meine Vorstellung davon, wie ich berufliche und private Pläne umsetzen kann, wie ich die Zukunft meiner Familie und dieses Planeten mitgestalte – sie wird momentan hart erschüttert. 

Ich sage das nicht, um dir Angst zu machen. Die hast du vermutlich sowieso schon.

Ich sage es, weil das hier alles keinen Sinn macht, wenn ich nicht ehrlich zu dir bin. Und wenn ich etwas wirklich schlecht vertrage, dann ist das toxische Positivität. Der krampfhafte Versuch, alles Dunkle und Beängstigende in unserem Leben zu ignorieren. 

Wir müssen den Dingen Raum geben. 

Um sie anschauen zu können. Um mit ihnen umgehen zu können. Um handlungsfähig zu bleiben. 

Und ja, ich habe Sorgen. Ich bin unsicher, in welche Richtung die Menschheit und das Leben auf der Erde sich entwickelt. Ich weiß nicht, ob unsere Kinder in Frieden aufwachsen und ihr Leben gestalten werden, so wie ich es bisher konnte. 

Von dieser Sicherheit, die lange selbstverständlich für mich war, muss ich mich jetzt verabschieden. Und Abschiede tun weh. 

Manchmal spüre ich den Schmerz ganz körperlich. Den Druck auf dem Herzen, den zugezogenen Hals und die Tränen hinter meinen Augen. Manchmal fühle ich mich erschöpft und ohnmächtig angesichts der überwältigenden Herausforderungen, die uns allen bevorstehen. Manchmal sitz ich da und frag mich, ob sich das Aufstehen überhaupt lohnt. 

Wenn es dir auch so geht, dann rate ich dir nicht dazu, den Schmerz und die Ohnmacht loszuwerden. Sie dürfen da sein. Stell dir lieber vor, dass ich und viele anderen Menschen sie auch fühlen. Vielleicht gerade jetzt in diesem Moment. 

Und dann stehe ich trotzdem auf. Weil ich glaube, dass es sich lohnt. 

Nicht, dass ich damit direkt den Klimawandel aufhalten und die Demokratie retten werde. Aber es gibt einen guten Grund, jetzt nicht aufzugeben. Es gibt noch etwas zu holen und zu gestalten in diesem Leben. 

So verrückt und beängstigend die Situation gerade ist – sie hat einen entscheidenden Vorteil:

Wenn sowieso alles auf dem Spiel steht – dann können wir unnötigen Ballast abwerfen. 

All den Kleinscheiß, der uns im Alltag lähmt und den wir lange für so wichtig hielten. 

Das wird jetzt etwas pathetisch. Aber wer weiß, wie viele Chancen ich noch habe, pathetisch zu sein. Wenn alles in Frage steht, was wir für normal gehalten haben – warum sollten wir nicht genau jetzt alles in die Welt geben, was wir sind? Alles, was wir uns selbst verkniffen haben, weil wir es für albern und unrealistisch hielten? Weil uns unsere Lehrerinnen dafür zurechtgewiesen und unsere „Freunde“ ausgelacht haben? Weil jemand uns sagte, wir könnten damit nichts werden in dieser Welt?

Tja, die Welt steht nun leider Kopf. Kein Mensch kann dir sagen, welche Berufe in 10 Jahren noch existieren. Die mächtigsten Leute der Welt können kompletten Bullshit erzählen und kommen damit großartig klar. Die Menschheit schaut dabei zu, wie sie ihre eigene Lebensgrundlage zugrunde richtet – und die Hälfte davon findet’s witzig. 

Wollen wir wirklich noch glauben, dass der Vokabeltest morgen über unser Lebensglück entscheidet? 

Abgesehen davon, dass ich in den letzten Jahren erlebt habe, wie der Wortschatz unserer Kinder in 3 verschiedenen Sprachen quasi explodiert ist (ohne jeden Test!): Wenn nicht jetzt, wann dann? Wann sollen wir beginnen, uns ernsthaft zu fragen, was uns wirklich wichtig ist?

Wir wissen, dass Menschen alles, was sie unter Druck und Zwang gelernt haben, sowieso wieder vergessen – oder einen gesunden Widerwillen dagegen entwickeln. Wir wissen, das Hausaufgaben in den meisten Fällen einfach unsinnig sind. 

Der Grund, warum wir uns und unsere Kinder durch diese Mühle quälen, ist die Sorge vor schlechten Noten, vor bissigen Kommentaren der Lehrerin, vor den schiefen Blicken der Schwiegereltern.

Aber jetzt und heute sollten wir uns fragen: 

Sind uns der Kommentar der Schwiegereltern und die schlechte Note so wichtig, dass wir mit unserem Kind deshalb den ganzen Abend in Stress oder Kampf verbringen? Oder wollen wir stattdessen unser Lieblingsspiel rausholen, einen bunten Snackteller zubereiten und die Zeit genießen, die wir mit unseren Liebsten haben? 

Bei all der Unruhe, die ich in den letzten Wochen und Monaten spüre, gibt es etwas, dass mich immer wieder tief berührt und wärmt:

Die Freude der Kinder, wenn sie riesige Höhlen im Wald bauen, Musik machen, Briefe schreiben, mit ihren Freund*innen Computerspiele testen, Kartoffeln pflanzen, Saltos und Radschläge üben – oder einfach ohne besonderes Ziel durch die Gegend hüpfen. Jede Sekunde, in denen ihre Augen leuchten und das Leben durch sie sprudelt, ist ein Grund, immer wieder aufzustehen und den Tag zu gestalten. Mit den Möglichkeiten, die wir haben. 

Und mit all dieser Erfahrung aus 3 Jahren schulfreiem Leben möchte ich dir für jetzt und heute Mut machen:

Wenn ein gewisser Präsident öffentlich ein Land zum Täter erklären kann, das seit Jahren angegriffen und bombardiert wird – dann kannst du spätestens jetzt in die Hand nehmen, wie du diesen Tag mit deiner Familie gestaltest. Scheiß auf den Vokabeltest. 

Wenn du dich auf deinem Weg von mir begleiten lassen möchtest, kannst du verschiedenes tun – je nachdem, wie viel und wie enge Begleitung du dir wünschst:

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