Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue aus dem breiten Panoramafenster in die Welt da draußen. Mein Blick fällt auf Häuser und Gärten. Baumkronen, aus denen ab und zu ein Vogel aufsteigt. Schornsteine, aus denen Rauch quillt.
Am blauen Himmel ziehen strahlend weiße Wolken wie flauschige Kissen vorbei. Und ganz hinten in der Mitte, wie auf einer Postkarte, eine Kirchturmspitze. Das Zentrum jeder noch so kleinen Stadt in Irland.
Hier begann unser Abenteuer „Hauskauf in Irland“ vor mehr als drei Jahren.
Tatsächlich kenne ich diesen Ort inzwischen in- und auswendig. Die Geschäfte an der Hauptstraße, die Supermärkte, Spielplätze, Parks. Die grünen Hügel, auf denen ringsum Kühe und Schafe grasen. Die kleinen Seitenstraßen und Siedlungen – und natürlich, ganz im Zentrum direkt neben der Kirche, die Community Hall.
Ich kenne so viele Menschen hier, dass ich bei jedem Einkauf mindestens drei bekannte Gesichter treffe.
Und ich kenne die Probleme:
Alte Häuser, die trotz der massiven Wohnungsnot leer stehen und vor sich hin gammeln. Fußwege, die nicht nur schmal und holperig sind, sondern auch mit Müll und Hundekot verschmutzt. Menschen, die schon nachmittags betrunken aus dem Pub wanken oder – krank vor Heimweh – auf der Parkbank liegen.
Ich habe kein Heimweh.
Dieser Ort ist mein Zuhause – mehr, als es die meisten Orte in Deutschland je waren. Gerade erst sagten unsere Kinder, sie könnten sich kaum noch vorstellen, dass wir hier mal neu waren. So vertraut sind ihnen alle Ecken in diesem kleinen westirischen Städtchen.
Hier haben wir zum ersten Mal erlebt, dass wir voll dazugehören – auch wenn unsere Kinder nicht zur Schule gehen.
Dass sie so viele Freundschaften haben und ihre Interessen und Begeisterungen intensiv ausleben können. Dass wir für unseren Weg eher bewundert als verachtet werden. Ich kann in Worten kaum ausdrücken, wie dankbar ich für diese Erfahrung bin.
Aber etwas fehlte uns in all der Zeit:
Wir hatten kein sicheres Zuhause.
So schön und bereichernd die letzten drei Jahre hier waren – die Wohnsituation war eine ständige Last auf meinen Schultern.
In Deutschland hatten wir ein eigenes Haus, das uns sehr ans Herz gewachsen war. Dass wir es kurz vor der Auswanderung verkaufen mussten, war schlimm für uns alle. Wie gern hätten wir unser Zuhause einfach mitgenommen. Aber das ging nunmal nicht und wir brauchten das Geld als Sicherheit für den Neuanfang.
So landeten wir dann vor drei Jahren in einem typisch irischen Mietshaus: Es zog wie Hechtsuppe, im Winter schimmelte jede Ecke, die Dusche wässerte das Nebenzimmer gleich mit und die Heizung fiel regelmäßig aus. Kurzum:
Mieten in Irland ist ein Abenteuer für sich.
Und weil der irische Mietmarkt aktuell komplett durchdreht, hätten wir – um eine bessere Wohnung zu finden – den Ort wechseln und all unsere neuen Kontakte wieder aufgeben müssen. Ganz ehrlich, die meisten Familien hier sind froh, wenn sie überhaupt eine bewohnbare Bleibe haben und nicht in einer der überfüllten Notunterkünfte landen.
Aber je tiefer unsere Wurzeln an diesem Ort wuchsen, desto stärker wurde der Wunsch, hier wieder ein sicheres, eigenes Zuhause zu haben. Eines, in dem weder Kündigung noch ein Dacheinsturz drohen. Eines, das wir gestalten und pflegen können. Wir wollten keine neue unsichere Bruchbude zu horrenden Mietpreisen. Wir wollten ein Haus kaufen.
Und was soll ich sagen: Es war ein steiniger Weg.
Ein paar Warnungen zum Hauskauf in Irland:
Ehrlich gesagt habe ich lange gezögert mit diesem Artikel. Weil das Thema Hauskauf von vornherein viele Menschen ausschließt. Und mit jeder Bank, die uns wegschickte (weil unser Einkommen zu niedrig war), mit jeder Absage von staatlicher Seite (weil wir innerhalb der EU keine Erstkäufer waren) fühlten auch wir uns ausgeschlossen.
Aber dazu später mehr.
Selbst, wenn bei dir finanziell alles easy ist, kann die Haussuche in Irland wirklich nervenaufreibend sein. Worauf du dich auf jeden Fall einstellen musst, sind sogenannte bidding wars (Bietergefechte), unehrliche Makler und eine generelle Unsicherheit im Kaufprozess.
Was sind Bidding Wars?
In Irland ist es völlig üblich, dass – wie bei einer Auktion – auf ein Haus geboten wird. Ganz besonders wenn die Nachfrage höher ist als das Angebot.
Konkret bedeutet das: Der asking price (Angebotspreis) ist nur eine grobe Richtschnur. Wenn du ein Haus kaufen möchtest, dann gibst du ein Gebot ab. Nicht selten bekommst du kurze Zeit später ein höheres Gebot vom sogenannten underbidder, also einem Mitbietenden. Das kannst du wieder überschreiten und warten, bis das nächste Gegengebot kommt.
So können sich Immobilienpreise über Tage nach oben schrauben. Das ist nicht nur stressig und belastend, sondern auch gefährlich – weil viele Menschen im Auktionsfieber weit über ihre eigentlichen finanziellen Möglichkeiten gehen.
Besonders übel wird es, wenn noch etwas dazu kommt:
Makler, die den Preis künstlich nach oben treiben
Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass nicht alle underbidders, mit denen wir es zu tun hatten, tatsächlich existierten. Manche Makler schmeißen dir Fake-Gebote hin (oft im Minutentakt), um dich an deine absolute Grenze zu treiben – finanziell und emotional.
Das ist eine echte Schweinerei, aber rechtlich leider möglich, weil Makler hier keine Nachweispflicht über eingegangene Gebote haben.
Daher mein Rat: Höre immer auf dein Bauchgefühl und gehe niemals über die finanzielle Grenze, die du dir vorher selbst für dieses Haus gesetzt hast.
Damit hört der Spaß aber nicht auf, denn:
Ein „sale agreed“ ist in Irland nicht bindend.
Man sollte meinen, dass alles in trockenen Tüchern ist, sobald sich beide Parteien auf einen Preis geeinigt haben und die erste Anzahlung (booking deposit) überwiesen wurde. Pustekuchen. Solange die Verträge nicht von beiden Seiten unterschrieben wurden, ist genau gar nix sicher.
Beide Parteien können bis dahin ohne Konsequenzen abspringen – sei es, weil doch noch ein höheres Gebot reingekommen ist, die Mieter nicht ausziehen oder die Nase vom anderen mir nicht mehr passt.
Auch hier gilt: Lass nicht alles mit dir machen. Auch von Käuferseite kannst du abspringen, wenn der Kauf sich monatelang zieht und die Gegenseite deine Wünsche nicht ernst nimmt.
Was du dabei unbedingt noch beachten solltest:
In Irland gilt „gekauft wie gesehen“.
Das Risiko für Mängel am Grundstück oder Gebäude liegt auf Käuferseite. Sobald du das Haus gekauft hast, wird niemand anders mehr für überstrichene Feuchtigkeit oder fehlende Dachziegel haften. Daher waren diese drei Dinge für uns unverhandelbar:
- Eine fähige und zuverlässige Anwältin für den Kaufvertrag.
- Ein gründliches Baugutachten von einem zertifizierten Ingenieur VOR Vertragsunterzeichnung.
- Ein grundlegend gutes Bauchgefühl in der Kommunikation mit dem Makler. (Bei all den schmierigen A***n, die sich auf dem Markt tummeln – es gibt auch Leute, die fair arbeiten und menschlich wirklich in Ordnung sind.)
Ich hoffe, ich habe dir damit einen ausreichenden Überblick über die wichtigsten Fallen und Stolpersteine gegeben.
Aber so ärgerlich, frustrierend und menschlich enttäuschend die vielen Rückschläge bei der Haussuche für uns waren – etwas anderes hat mich in all der Zeit noch mehr belastet:
Das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Wann immer wir ein Bietergefecht verloren, wann immer ich eine neue Schimmelecke in unserem Mietshaus entdeckte: Tief in mir nagte ein Schmerz, der über Frust weit hinaus ging. Ich hatte das ständige Gefühl zu versagen.
Und natürlich könnte ich das alles auf meine persönlichen Glaubenssätze oder Traumata zurückführen. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Ein anderer Grund für meine größer werdende Verzweiflung war aber der:
Wir leben in einer kapitalistischen Kultur, die Eigentum mit Leistung und Leistung mit menschlichem Wert gleichsetzt.
Das erzeugt Scham und Druck auf Menschen, die kein oder wenig Eigentum besitzen. Und natürlich liegt ein Teil meiner Erleichterung darin, diesem Druck durch ein eigenes Haus entkommen zu sein. (Zumindest solange ich mir nicht die Villen an der Küste von Galway anschaue. Haha.)
Und klar, jetzt könnte ich natürlich behaupten, dieser Hauskauf sei ausschließlich unserer persönlichen Leistung zu verdanken. Oder – für die Spiris unter uns – meiner Fähigkeit, Wünsche zu manifestieren. Aber so einfach ist es leider nicht.
Ich wünschte, das Haus wäre eine Anerkennung der vielen Jahre, die mein Mann und ich in prekären Jobs und unbezahlter Carearbeit verbracht haben.
Eine Entschädigung für den Schmerz und die Verzweiflung, die das deutsche Schulsystem (und manche Leute) unseren Kindern und uns zufügten. Eine Wertschätzung für die Anpassung an eine Gesellschaft, die für mein Gehirn und Nervensystem täglich extrem herausfordernd ist. Das wäre ein echtes Abbild unserer Leistung – wenn es denn immer darum gehen muss.
Aber all das war nicht der Grund dafür, dass wir uns ein Haus kaufen konnten. Genauso wenig haben wir es uns spirituell manifestiert. Auch wenn das irgendwie cool wäre – ich steh ja auf Magie und Zauberei.
Versteh mich nicht falsch – natürlich haben wir etwas dafür getan. Wir hätten dieses Haus nicht, wenn wir nicht nach jedem Rückschlag wieder aufgestanden wären und neu gesucht hätten. Wenn wir nicht Unmengen an Zeit und Energie in diese Suche gesteckt hätten. Wenn wir nicht schon vor der Auswanderung den Mut aufgebracht hätten, all die großen und kleinen Schritte zu gehen. Schon klar.
Aber für einen Hauskauf braucht man vor allem eines: Geld.
Und das hatten wir weder aus unserer tatsächlich jahrelang geleisteten, schlecht bezahlten Arbeit, noch aus einem magischen Mindset. Und ganz sicher nicht, weil wir mehr Wert wären als andere Menschen.
Es ist viel simpler:
Wir hatten einfach Glück.
Glück, dass ich in eine wohlhabende Familie geboren wurde, ohne deren Unterstützung wir nie das erste Haus hätten kaufen können. Glück, dass wir diese Immobilie durch steigende Marktpreise nach wenigen Jahren mit großem Gewinn verkaufen konnten.
Bin ich stolz darauf, dass wir so zu unserem Geld gekommen sind? Nicht wirklich.
Ist es ausgleichende Gerechtigkeit für all die Bereiche, in denen ich weniger Glück hatte? Keine Ahnung. Von Gerechtigkeit lässt sich in diesem System kaum sprechen, finde ich.
Freue ich mich trotzdem über unser neues Zuhause in Irland? Ja, zutiefst. Jeden einzelnen Tag. Seit dem Einzug hatte ich keine einzige schlaflose Nacht. Über Monate. Das ist mir schon ewig nicht mehr passiert. Tatsächlich weiß ich nicht, ob ich jemals so ruhig geschlafen habe.
Ich habe das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Und ich habe eine Menge gelernt.
Als wir damals ausgewandert sind, war ich überzeugt: „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur genug willst.“ Vielleicht hätte ich ohne diese Überzeugung den Sprung nie gewagt. Und in den letzten drei Jahren haben wir tatsächlich vieles von dem geschafft, was wir unbedingt wollten.
Aber ich habe auch die giftige Kehrseite der Medaille zu spüren bekommen: „Wenn du es nicht schaffst, dann willst du es nicht genug. Denn andere schaffen es ja auch.“ Hm, das ist offensichtlich ziemlicher Bullshit.
Ich will nicht, dass Menschen sich durch dieses verdrehte Leistungs-Mindset ausgeschlossen, falsch oder wertlos fühlen. Wir alle haben unterschiedliche Startbedingungen und ungleiche Lasten zu tragen.
Wir haben in den letzten Jahren viel getragen – manchmal zu viel. Und ich weiß um die enorme Anstrengung und Willenskraft, die uns hierher geführt haben. Genauso kenne ich unsere Privilegien.
Und wenn man sich in unserer Welt schon immer alles verdienen muss:
2 Kommentare
Wie schön! ich freue mich für euch! Liebe Grüße
Vielen Dank! 🙂