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Ist das nicht verrückt?
Ich schreibe seit Jahren über unsere Erfahrungen mit dem Freilernen. Warum außerschulische Bildung nicht bedeutet, dass wir aus der Gesellschaft aussteigen oder uns irgendwelchen Ideologien anschließen sollten. Warum ich glaube, dass selbstbestimmte Bildung auf allen Ebenen eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und die Demokratie ist. Und warum ich mir wünsche, dass es auch in Deutschland legale Möglichkeiten für Home Education gibt.
Und trotzdem traue ich mich erst jetzt, bestimmte Dinge aus unserem schulfreien Alltag zu erzählen. Dinge, die ich lange eher verschwiegen habe.
Jetzt kann ich darüber schreiben. Denn einer unserer Söhne geht nach vier Jahren Freilernen wieder zur Schule – und hat offenbar keinen „Bildungsrückstand“. Im Gegenteil: In vielen Bereichen scheint er weiter zu sein, als die Schule von ihm erwartet.
Dass ich dieses Feedback aus einem System brauchte, das wir bewusst vor vier Jahren verlassen haben, ist ein bisschen absurd.
Vor allem zeigt es, wie viel Scham noch immer damit verbunden ist, offen über das Freilernen zu sprechen. Aber jetzt erstmal von vorne:
1. Was ist Freilernen?
Um ehrlich zu sein: Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder. Denn Freilernen ist weder ein festes Konzept noch eine bestimmte Methode.
Für mich ist es eine Bildungsform, in der Schule nicht zwangsläufig vorkommen muss.
Ein freilernender junger Mensch kann weitgehend selbst bestimmen, wie und wo er sich bildet – natürlich im Rahmen der Möglichkeiten, die ihm und seiner Familie zur Verfügung stehen. Und wenn Schule für ihn nicht der richtige Ort zum Lernen ist – dann kann Bildung (phasenweise oder dauerhaft) auch ganz ohne Schule stattfinden.
Vielleicht kennst du den Begriff Unschooling. Er beschreibt eine Form der selbstbestimmten Bildung, in der es – anders als im klassischen Homeschooling – weder Unterricht noch andere Lernvorgaben gibt. Junge Menschen lernen hier ausschließlich nach eigenem Interesse und entscheiden täglich neu, womit sie sich beschäftigen.
Die meisten Freilern-Familien bewegen sich vermutlich irgendwo zwischen Homeschooling und Unschooling. Wir übrigens auch.
Denn auch wir haben Englisch- und Mathebücher gekauft und irgendwann eine tägliche „Schreibzeit“ eingeführt. (Sowas würden ‚Radical Unschooler‘ nie tun.) Aber die meisten Lernerfahrungen unserer Söhne entstanden aus ihrem Alltag und ihrer darin geweckten Neugier. Sie vertieften immer das, was ihnen besonders viel Freude machte – und wurden oft sehr gut und erfolgreich in diesen Bereichen.
Schlagzeugspielen zum Beispiel. Turnen. Fantasy-Romane lesen. Fahrräder reparieren. Gartenarbeit. Backen. Klettern. Schwimmen. Minecraft. Die Liste ist definitiv lang.
Ein anschauliches Beispiel ist unser (inzwischen verstorbener und liebevoll beigesetzter) Hamster. Noch vor seinem Einzug begannen unsere Söhne, Bücher und Internetseiten über Hamsterhaltung zu lesen. Als der kleine Nager dann bei uns war, beobachteten sie ihn stundenlang, pflückten Löwenzahn und Gänseblümchen, bauten Spielzeuge aus Holz und Pappe und lernten dabei ganz nebenbei etwas über Maßeinheiten, Biologie, Ernährung, Geduld und Verantwortung.
Solche Lernerfahrungen lassen sich im Nachhinein wunderbar beschreiben und „pädagogisch“ einordnen. Für unsere Home-Education-Assessments hatte ich immer so viel Aktivitäten, Ausflugsziele und Materialien dokumentiert, dass die Gutachter mich augenzwinkernd fragten, wie sie das alles in einen einzigen Bericht bringen sollten. Ich bin selbst oft erstaunt, wie divers der Erfahrungsraum unserer Söhne in ihren schulfreien Jahren war und wie viel sie darin gelernt haben.
Die Grundidee des Freilernens ist also: Viele selbstbestimmte Lernerfahrungen in einer unterstützenden Umgebung können genauso erfolgreich bilden wie klassischer Schulbesuch – oder sogar besser.
Soweit die Theorie, die sich für uns auch bewahrheitet hat.
Es gibt allerdings eine Seite des Freilernens, die ich lange eher versteckt habe.
Aus Sorge, verurteilt zu werden – und weil es immer einen Rest Unsicherheit in mir gab, ob Freilernen wirklich „in Ordnung“ ist. Inzwischen glaube ich, dass das, wofür ich mich heimlich geschämt habe, einer der wichtigsten Bestandteile des Freilernens ist: Die unverplante Zeit.
2. Wie unser Alltag tatsächlich aussieht
Wenn Freilern-Eltern auflisten, was sie aktiv für die Bildung ihrer Kinder tun, sieht das oft unheimlich fleißig aus. Und wie gesagt, ich mache diese Auflistungen auch oft. Weil ich stolz darauf bin, was wir als Familie alles erlebt und erreicht haben. Weil ich oft das Gefühl habe, nur etwas wert zu sein, wenn ich ausreichend geleistet habe. Und weil ich lange unter Druck stand, unseren Lebensstil vor der Welt und ihren Erwartungen zu rechtfertigen.
Die Wahrheit ist aber auch:
Wir haben im Alltag viel weniger Zeit mit aktiver „Bildungsarbeit“ verbracht, als es scheint.
Ja, wir haben beeindruckende Ausflüge gemacht, Museen besucht, sind auf Berge geklettert. Und ja, unsere Söhne sind in Rock-Bands und Sportgruppen, machen spannende Workshops, lesen Bücher und pflanzen Apfelbäume. Klingt alles toll und das ist es auch.
Aber in vier Jahre passen viele viele Stunden – und einen Großteil dieser Zeit haben wir einfach in den Tag hinein gelebt. Ausschlafen, lange frühstücken, rumalbern, auf der Wiese liegen und in den Himmel gucken – oder mit Kakao und Lieblingsserie auf dem Sofa:
Alles, was man unter „Faulenzen“ versteht, kam nicht nur ab und zu vor. Es war ein grundlegender Bestandteil unseres Lebens.
Und das ist gut so.
Ich weiß, dass ich hier auf einem Drahtseil tanze. Denn erstens verstoße ich gegen die heilige Grundregel unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft: Nur wer hart arbeitet, wird es zu etwas bringen. (Das ist übrigens ein Fiebertraum, wie ich u.a. beim Hauskauf gemerkt habe).
Und zweitens lässt sich Faulsein leicht mit etwas anderem verwechseln: Beziehungs- und Sinnlosigkeit.
Wenn wir auf dem Sofa sitzen, weil uns die Verbindung zur Welt fehlt, und wenn der Bildschirm Menschen ersetzt – dann ist das für mich kein entspannter Zeitvertreib, sondern belastende Einsamkeit. Davon rede ich nicht. Und genauso wenig meine ich, dass wir unsere Kinder beim Freilernen komplett sich selbst überlassen.
Mir geht es um die Entspannung, die wir erleben, wenn wir sicher, willkommen und aufgehoben sind – ohne etwas leisten oder vorweisen zu müssen.
Diese Entspannung tritt genau dann ein, wenn wir als Familie mit warmem Kakao im Bauch einen schönen Film angucken. Wenn unsere Söhne stundenlang mit ihren Freunden im Garten oder im Park abhängen. Und zwar nicht nur am Wochenende mal für 1-2 Stunden, sondern jeden Tag und regelmäßig.
Frei dahinplätschernde Zeit war und ist ein fester Bestandteil ihres schulfreien Lebens.
Das Wissen, in Ruhe genießen zu dürfen und dabei sicher zu sein, hat sich als Grundton auf ihr Nervensystem übertragen – und damit auf ihr gesamtes Körpergefühl. „Faul bis auf die Knochen“ sozusagen.
3. Was ist eigentlich normal?
Die Erzählung unserer Gesellschaft ist, dass zu viel Ruhe, Genuss und Freizeit den Menschen zur Belastung für seine Umwelt macht. Dass er beim Faulenzen zum dummen, unproduktiven und moralisch verkommenen Schmarotzer wird. Milliardäre sind natürlich ausgenommen – die haben offenbar übermenschlich hart für ihren Reichtum gearbeitet und dürfen das.
Für alle anderen gilt:
Wer nicht früh aufsteht, bringt unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand in Gefahr und so weiter – du kennst das alles.
Um wessen Wohlstand es dabei eigentlich geht, und wie sich das Wirtschaftswachstum auf unseren Lebensraum auswirkt, wird gerne ausgeblendet. Stattdessen werden Ausschlafen und Faulenzen zu Dämonen, die wir Kindern möglichst früh austreiben. Mit vollen Terminkalendern, Stundenplänen, Hausaufgaben – und der Drohung, dass sie in Armut sterben, wenn sie den nächsten Vokabeltest versemmeln.
Die deutsche Selektion von Schüler*innen nach der Grundschule finde ich besonders zynisch.
In Irland besuchen alle jungen Menschen gemeinsam die gleiche Schule. Erst die letzten beiden Schuljahre entscheiden, ob sie einen eher akademischen oder praxisnahen Weg gehen. In Deutschland scheinen wir am Fleiß einer Viertklässlerin ablesen zu müssen, was aus ihr „später mal wird“.
Dabei haben viele von uns besonders Fleißigen noch Momo gelesen – aber haben wir es wirklich verstanden?
Michael Ende hat in diesem Buch so schön beschrieben, wie wichtig freie Zeit und echte, warme Beziehungen für uns sind. Inzwischen leiden viele Familien aber massiv unter Zeitmangel, Erwartungsdruck und dem Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen.
Mit der Schulpflicht unseres Sohnes haben auch wir erlebt, wie sich Stress und Druck auf unseren Alltag so zuspitzten, dass wir unsere gemeinsame Zeit nicht mehr genießen konnten. Der Morgen war hektisch, der Nachmittag belastet und abends flossen Tränen. Wir hatten immer weniger Ruheinseln, in denen wir uns wirklich entspannen konnten.
Mit der Auswanderung in ein Land ohne Schulzwang wollten wir uns zurückholen, was wir am meisten vermissten:
Freie gemeinsame Zeit, Verbundenheit und Vertrauen ineinander, emotionale Sicherheit und Lebensqualität.
Es war (trotz Unsicherheit und Abschiedsschmerz) wie ein tiefes Durchatmen und Fallenlassen nach jahrelanger Anspannung. Auch unser Nervensystem konnte nach und nach zur Ruhe kommen.
Und ohne es gleich wieder kapitalistisch verwerten zu wollen:
Mit entspanntem Nervensystem lernt der Kopf in einer Stunde das, wofür er unter Stress Tage braucht.
Unsere Kinder haben vier Jahre lang jeden Tag ausgeschlafen und vormittags im Pyjama Lego gespielt – und trotzdem (oder gerade deshalb) weder ihre Neugier auf die Welt, noch ihre Moral und schon gar nicht ihre lebenspraktischen Fähigkeiten verloren. Ich sagte ja schon, dass unser Sohn nach all dem „faulem Lotterleben“ weder mit dem Schulstoff noch seinen Sozialkontakten Probleme hat – im Gegenteil.
Das sollte uns doch zu denken geben.
Auch wenn in Schulen sicher keine „grauen Herren“ am Werk sind: So wie dieses System noch immer weiträumig funktioniert, ist es eine gigantische, zermürbende Zeitverschwendung – auch für die Lehrkräfte, deren wunderbare Fähigkeiten von den Strukturen oft einfach gefressen werden.
Zeit- und Leistungsdruck sind im Schulalltag so normal geworden, dass es vielen gar nicht mehr auffällt.
Außer denen, die eben lange nicht an diesem Alltag teilgenommen haben und wissen, wie sie ihre Zeit anders verbringen können. Wenn alles darin seinen Platz hat: Bäume pflanzen, in den Himmel schauen, Kakao trinken. Und wenn sie darauf vertrauen können, dass sie anderen Menschen wichtig sind – egal wie viele Medaillen, Zertifikate oder gute Noten sie schon gesammelt haben.
Abschließend will ich sagen: Freilernen kann alles Mögliche sein. Spannende Ausflüge zu historischen Ausgrabungsstätten. Ganze Bücherstapel zu Spezialinteressen, die wir aus der Bibliothek mitnehmen. In der Sonne sitzen und plaudern. Die Katze kraulen. Faulenzen.
Das Wichtigste am Freilernen – und überhaupt gelingender Bildung – ist und bleibt aber ein entspanntes Nervensystem.
Das ist der Nährboden, auf dem alles andere wachsen kann. Und ich finde, das sollte Normalität sein – für alle jungen Menschen, ob mit oder ohne Schule.